Fortbildung planen mit dem 30-Stunden-Budget (TVöD SuE): So nutzt du es strategisch
Fortbildung planen mit dem 30-Stunden-Budget (TVöD SuE): So nutzt du es strategisch
30 Stunden pro Jahr - das klingt erst mal nach viel. Aber wenn du als Kita-Leitung die Fortbildung deines gesamten Teams planst, weisst du: Diese Stunden sind schneller aufgebraucht, als du “Qualifizierungszeit” sagen kannst.
Seit dem 1. Juli 2022 haben Beschaeftigte im Erziehungsdienst (TVoeD SuE) Anspruch auf 30 Stunden pro Kalenderjahr fuer Vorbereitung und Qualifizierung - vorher waren es nur 19,5 Stunden. Das ist ein enormer Schritt. Aber damit dieser Anspruch nicht verpufft, braucht es eine durchdachte Strategie.
In diesem Artikel erfaehrst du, was dir und deinem Team rechtlich zusteht, welche Pflichtthemen immer abgedeckt sein muessen und wie du das 30-Stunden-Budget so planst, dass am Ende des Jahres nicht die Haelfte ungenutzt verfallen ist.
Was der Tarifvertrag genau vorschreibt
Die 30-Stunden-Regelung im TVoeD SuE
Die Grundlage findest du in ss 3 der Anlage zu ss 56 TVoeD BT-V (VKA), dem sogenannten SuE-Tarif. Dort heisst es sinngemaess:
Im Rahmen der regelmaessigen Arbeitszeit werden im Kalenderjahr 30 Stunden fuer Zwecke der Vorbereitung und Qualifizierung verwendet.
Wichtig zu verstehen: Es handelt sich um eine Arbeitszeitverwendung, nicht um eine Freistellung. Die 30 Stunden sind Teil deiner regulaeren Arbeitszeit - du arbeitest waehrend dieser Zeit, nur eben nicht am Kind, sondern an deiner fachlichen Weiterentwicklung.
Fuer Teilzeitkraefte reduziert sich das Kontingent anteilig. Bei einer 20-Stunden-Woche (Vollzeit: 39 Stunden) stehen also rund 15,4 Stunden im Jahr zur Verfuegung.
Wer entscheidet, wofuer die Stunden genutzt werden?
Hier wird es spannend: Der Arbeitgeber hat ein Direktionsrecht bezueglich Art und Lage der Vorbereitungs- und Qualifizierungszeit. Das bedeutet: Dein Traeger kann mitbestimmen, welche Fortbildungen besucht werden und wann. Gleichzeitig ist er an den tariflichen Verwendungszweck gebunden - die Zeit muss tatsaechlich fuer Vorbereitung und Qualifizierung genutzt werden.
In der Praxis heisst das: Als Kita-Leitung bist du die zentrale Schnittstelle. Du kennst die Bedarfe deines Teams und die Anforderungen des Traegers. Und genau deshalb lohnt sich eine strategische Jahresplanung.
Einschraenkung in den ostdeutschen Bundeslaendern
Ein Detail, das oft uebersehen wird: In den ostdeutschen Bundeslaendern existieren bereits landesgesetzliche Regelungen zur mittelbaren paedagogischen Arbeitszeit (Vor- und Nachbereitung). Wo solche Gesetze bestehen, schreibt der Tarifvertrag im Wesentlichen den Status quo fest - ein zusaetzlicher tariflicher Anspruch ueber die landesgesetzlichen Regelungen hinaus besteht dann nicht. Pruefe also, was dein Landesgesetz konkret vorsieht.
Die gesetzliche Pflicht: Fortbildung ist kein Nice-to-have
Neben dem tariflichen Anspruch gibt es eine klare gesetzliche Pflicht. In ss 72 Abs. 3 SGB VIII heisst es:
“Die Traeger der oeffentlichen Jugendhilfe haben Fortbildung und Praxisberatung der Mitarbeiter des Jugendamts und des Landesjugendamts sicherzustellen.”
Wichtig: Diese Pflicht richtet sich direkt an die Traeger der oeffentlichen Jugendhilfe und betrifft Mitarbeiter des Jugendamts und Landesjugendamts. Fuer Fachkraefte bei freien Traegern ergibt sich die Fortbildungspflicht vor allem aus den jeweiligen Landesgesetzen und Traegervereinbarungen. In der Praxis wird ss 72 Abs. 3 SGB VIII aber breit als Ausdruck des gesetzgeberischen Willens verstanden, dass Fortbildung in der Jugendhilfe kein Nice-to-have ist. Wenn dein Traeger argumentiert, fuer Fortbildung sei kein Geld da, kannst du auf diese gesetzliche Grundlage verweisen. Die Pflicht liegt beim Traeger - aber die Organisation liegt in der Praxis oft bei dir als Leitung.
KiQuTG: Neue Pflichthandlungsfelder ab 2025
Das KiTa-Qualitaetsgesetz (KiQuTG) hat die Fortbildungslandschaft zusaetzlich veraendert. Der Bund stellt den Laendern fuer 2023—2024 rund 4 Milliarden Euro und fuer 2025—2026 weitere rund 4 Milliarden Euro bereit (insgesamt ca. 8 Milliarden Euro). Seit dem 1. Januar 2025 muessen die Bundeslaender in zwei Pflichthandlungsfeldern Massnahmen umsetzen:
- Fachkraeftegewinnung und -sicherung
- Sprachliche Bildung
Daneben gibt es weitere Handlungsfelder wie Fachkraft-Kind-Schluessel, starke Kita-Leitung, gesundes Aufwachsen und Staerkung der Kindertagespflege, in denen die Laender investieren koennen, aber nicht muessen.
Fuer deine Fortbildungsplanung bedeutet das: Sprachfoerderung ist nicht mehr optional - sie gehoert in jeden Fortbildungsplan. Und wenn du Fortbildungen zu Fachkraeftesicherung und Teamentwicklung planst, kannst du dich auf die KiQuTG-Prioritaeten berufen.
Strategische Planung: Pflicht vor Kuer
Schritt 1: Pflichtthemen identifizieren
Bevor du ueber spannende Wahlthemen nachdenkst, muessen die Pflichtthemen stehen. Diese ergeben sich aus Gesetzen, Traegervorgaben und Qualitaetsstandards:
Absolutes Muss:
- Kinderschutz / ss 8a SGB VIII - Jede Fachkraft muss regelmaessig geschult werden. Nach der Erstschulung reicht in den meisten Bundeslaendern eine Auffrischung alle 2-3 Jahre, aber das Thema darf nie vom Radar verschwinden.
- Erste Hilfe am Kind - Auffrischung alle 2 Jahre ist in den meisten Einrichtungen Pflicht.
- Hygiene und Infektionsschutz - Belehrungen nach ss 34 Abs. 5a IfSG (Gemeinschaftseinrichtungen) und ss 43 Abs. 4 IfSG (Lebensmittelhygiene) muessen mindestens alle 2 Jahre aufgefrischt werden.
Hohe Prioritaet (KiQuTG + Praxisrelevanz):
- Sprachfoerderung / Sprachliche Bildung - Pflichthandlungsfeld des KiQuTG, meistgebuchtes Fortbildungsthema nach Kinderschutz.
- Inklusion - In vielen Bundeslaendern bereits gesetzlich verankert, fachlich unverzichtbar.
Wichtig fuer Teamqualitaet:
- Elterngespraeche fuehren - Eines der haeufigsten Konfliktthemen im Kita-Alltag.
- Teamentwicklung - Gerade bei Fachkraeftemangel und hoher Fluktuation entscheidend.
Schritt 2: Bestandsaufnahme im Team
Bevor du Fortbildungen buchst, mach eine ehrliche Bestandsaufnahme:
- Wer hat wann zuletzt was gemacht? Erstelle eine Uebersicht aller Fortbildungen der letzten 2-3 Jahre pro Fachkraft.
- Wo gibt es Luecken? Vielleicht hat die Haelfte des Teams seit 3 Jahren keine Kinderschutz-Auffrischung mehr.
- Welche Entwicklungsziele hat die Einrichtung? Steht ein neues Konzeptelement an (z. B. offene Arbeit, Waldpaedagogik)? Dann muessen Fortbildungen diesen Wandel begleiten.
- Was wuenschen sich die Fachkraefte selbst? Mitsprache erhoeht die Motivation und damit den Lernerfolg enorm.
Schritt 3: Budget realistisch kalkulieren
Die 30 Stunden sind Zeitbudget - aber Fortbildungen kosten auch Geld. Hier die Orientierungswerte:
| Fortbildungsart | Kosten pro Tag | Typische Dauer |
|---|---|---|
| Tagesfortbildung (Praesenz) | 80—250 € | 6—8 Stunden |
| Mehrtaegige Fortbildung | 150—400 €/Tag | 2—5 Tage |
| Online-Fortbildung | 30—120 € | 2—8 Stunden |
| Inhouse-Schulung (Referent:in) | 500—1.500 € gesamt | 3—8 Stunden |
| Fachkongress / Tagung | 100—300 € | 1—2 Tage |
Rechenbeispiel: Eine Fachkraft mit 30 Stunden Budget koennte im Jahr besuchen:
- 1 zweitaegige Praesenzfortbildung (16 Stunden, ca. 300—500 €)
- 2 Online-Kurzfortbildungen (je 4 Stunden, ca. 60—200 €)
- 6 Stunden fuer Teamfortbildung / Konzeptionstag
Das ergibt 30 Stunden - und Kosten von rund 400-800 € pro Fachkraft und Jahr. Bei einem Team von 10 Personen bist du bei 4.000-8.000 € Jahresbudget allein fuer Fortbildungen.
Kann Supervision auf die 30 Stunden angerechnet werden?
Eine der haeufigsten Fragen in der Praxis. Die kurze Antwort: Es kommt darauf an.
Der Tarifvertrag spricht von “Vorbereitung und Qualifizierung”. Supervision kann unter den Begriff Qualifizierung fallen, wenn sie einen klaren fachlichen Bezug hat - etwa fallbezogene Supervision, die die paedagogische Arbeit reflektiert und weiterentwickelt.
Reine Team-Supervision im Sinne von Konfliktbearbeitung oder psychischer Entlastung wird in der Regel nicht als Qualifizierungszeit gewertet, sondern laeuft ueber ein eigenes Budget. Die Abgrenzung ist in der Praxis oft unscharf, und viele Traeger haben hierzu eigene Regelungen. Klaere das im Zweifel mit deinem Traeger und, falls vorhanden, mit dem Personalrat.
Praxisberatung hingegen ist in ss 72 Abs. 3 SGB VIII explizit neben Fortbildung genannt und muss vom Traeger unabhaengig sichergestellt werden - sie sollte also das Fortbildungsbudget nicht belasten.
Online vs. Praesenz: Vor- und Nachteile
Der Markt fuer Online-Fortbildungen im Kita-Bereich waechst rasant. Laut der Zukunftsstudie Kita-Management 2024 von Wolters Kluwer sehen 44 % der befragten Kita-Leitungen Digitalisierungspotenzial gerade bei der Fortbildungsplanung. Aber welches Format ist besser?
Praesenzfortbildungen
Vorteile:
- Austausch mit Kolleg:innen aus anderen Einrichtungen
- Praktische Uebungen moeglich (z. B. Rollenspiele fuer Elterngespraeche)
- Hoehere Verbindlichkeit und Fokus
- Netzwerken und Inspiration
Nachteile:
- Anfahrt und Abwesenheit (Dienstplanproblem)
- Hoehere Kosten (Fahrt, ggf. Uebernachtung)
- Terminabhaengigkeit - wenn der Termin nicht passt, faellt es aus
Online-Fortbildungen
Vorteile:
- Flexibel einteilbar - auch in kleineren Zeitbloecken
- Keine Anfahrt, keine Vertretungsprobleme
- Oft guenstiger
- Grosse Themenauswahl, jederzeit verfuegbar
Nachteile:
- Weniger Austausch und Praxisbezug
- Selbstdisziplin noetig
- Nicht jedes Thema eignet sich (Kinderschutz lebt vom Diskurs)
Unsere Empfehlung: Ein Mix aus beiden Formaten ist ideal. Pflichtthemen wie Kinderschutz und Erste Hilfe gehoeren in Praesenzformate. Wissensthemen wie Sprachfoerderung, Dokumentation oder paedagogische Ansaetze funktionieren online hervorragend. So holst du das Maximum aus den 30 Stunden heraus.
Traeger ueberzeugen: So bekommst du das Budget
Viele Traeger investieren mittlerweile bewusst in Fortbildung - nicht aus reiner Pflichterfuellung, sondern als Instrument der Mitarbeiterbindung. In Zeiten des Fachkraeftemangels ist ein gutes Fortbildungsangebot ein echtes Argument, um Fachkraefte zu halten und neue zu gewinnen. Traeger werden hier zunehmend grosszuegig.
Trotzdem musst du als Leitung oft ueberzeugend argumentieren. Hier sind deine besten Argumente:
1. Auf die Rechtslage verweisen
- ss 72 Abs. 3 SGB VIII: Fortbildung ist gesetzliche Pflicht.
- TVoeD SuE, ss 3 Anlage zu ss 56: 30 Stunden Qualifizierungszeit sind tariflich verankert.
- KiQuTG: Sprachliche Bildung und Fachkraeftesicherung sind Pflichthandlungsfelder.
2. Den Return on Investment aufzeigen
- Fortgebildete Fachkraefte arbeiten qualitativ besser.
- Weniger Kuendigungen = weniger Recruitingkosten (eine Neubesetzung kostet schnell 5.000—15.000 €).
- Hoehere Zufriedenheit = weniger Krankheitstage.
3. Einen konkreten Plan vorlegen
Traeger sagen selten Nein zu einem durchdachten Fortbildungsplan. Wenn du mit einer Jahresuebersicht kommst, die Pflichtthemen, Teambedarfe, Kosten und Zeitplanung zusammenfasst, zeigst du Professionalitaet - und machst es dem Traeger leicht, Ja zu sagen.
4. Foerdermittel recherchieren
Viele Bundeslaender und der Bund foerdern Fortbildungen im Kita-Bereich. Das KiQuTG stellt fuer 2025—2026 allein rund 4 Milliarden Euro bereit (insgesamt ca. 8 Milliarden Euro fuer 2023-2026). Pruefe, ob dein Bundesland Foerderprogramme anbietet, die dein Traeger nutzen kann.
Checkliste: Fortbildungsplanung fuers Kita-Jahr
Damit du den Ueberblick behaeltst, hier eine kompakte Checkliste:
- Pflichtthemen pruefen: Kinderschutz, Erste Hilfe, Hygiene - was steht an?
- Bestandsaufnahme: Wer hat wann zuletzt welche Fortbildung besucht?
- Teambedarfe erheben: Was braucht das Team, was wuenscht es sich?
- Traegervorgaben klaeren: Gibt es Schwerpunktthemen oder Pflichtmodule?
- KiQuTG-Prioritaeten beruecksichtigen: Sprachfoerderung eingeplant?
- Budget kalkulieren: 30 Stunden pro Fachkraft in Fortbildungstage umrechnen.
- Mix festlegen: Praesenz und Online kombinieren.
- Termine frueh buchen: Beliebte Fortbildungen sind schnell ausgebucht.
- Vertretung planen: Wer springt ein, wenn jemand auf Fortbildung ist?
- Dokumentieren: Teilnahmebescheinigungen sammeln, Stunden erfassen.
Fazit: Planung ist der Schluessel
Die 30 Stunden Vorbereitungs- und Qualifizierungszeit sind ein echtes Geschenk - wenn du sie strategisch nutzt. Wer erst im Oktober merkt, dass noch 20 Stunden pro Fachkraft uebrig sind, bucht hektisch irgendwas. Wer im Januar plant, investiert gezielt.
Mach Fortbildung nicht zum Lueckenfueller, sondern zum festen Bestandteil deiner Jahresplanung. Dein Team wird es dir danken - mit besserer Arbeit, hoeherer Motivation und laengerer Treue.
Du willst die Fortbildungsplanung fuer dein ganzes Team an einem Ort haben? Unser Kita-Jahresplaner enthaelt einen integrierten Fortbildungsplaner, mit dem du Stundenkontingente, Termine und Kosten fuer jede Fachkraft im Blick behaeltst - das ganze Kita-Jahr ueber.
Quellenangaben
- TVoeD BT-V (VKA), Anlage zu ss 56, ss 3 - Vorbereitungs- und Qualifizierungszeit fuer Beschaeftigte im Erziehungsdienst: 30 Stunden pro Kalenderjahr (seit 1. Juli 2022, zuvor 19,5 Stunden). Haufe: Sozial- und Erziehungsdienst 12.5
- ss 72 Abs. 3 SGB VIII - “Die Traeger der oeffentlichen Jugendhilfe haben Fortbildung und Praxisberatung der Mitarbeiter des Jugendamts und des Landesjugendamts sicherzustellen.” dejure.org: ss 72 SGB VIII
- KiTa-Qualitaetsgesetz (KiQuTG) 2023-2026 - Pflichthandlungsfelder: Fachkraeftegewinnung/-sicherung und Sprachliche Bildung (ab 1. Januar 2025). BMFSFJ: KiTa-Qualitaetsgesetz
- Zukunftsstudie Kita-Management 2024 (Wolters Kluwer) - 44 % der befragten Kita-Leitungen sehen Digitalisierungspotenzial bei der Fortbildungsplanung. Wolters Kluwer: Zukunftsstudie
- GEW: FAQ zum SuE-Abschluss - gew.de: Fragen und Antworten
- Kommunalforum: Arbeitszeit Erzieher TVoeD - kommunalforum.de