Neue Kita-Leitung? Die ersten 100 Tage - was jetzt Priorität hat
Neue Kita-Leitung? Die ersten 100 Tage - was jetzt Priorität hat
Du bist seit Kurzem Kita-Leitung. Vielleicht kam es überraschend, vielleicht war es geplant - aber die Übergabe war kurz, der Ordner dünn und das Team schaut dich erwartungsvoll an. Willkommen im Club.
Die gute Nachricht: Du musst nicht alles in der ersten Woche schaffen. Du musst nicht einmal alles im ersten Monat schaffen. Aber du brauchst einen Plan, damit du weißt, was jetzt wirklich dran ist und was warten kann.
Genau darum geht es in diesem Artikel: ein realistischer Fahrplan für deine ersten 100 Tage als Kita-Leitung. Nicht als erschöpfende Anleitung für jede einzelne Aufgabe, sondern als Kompass, damit du die richtigen Prioritäten setzt.
Warum die ersten 100 Tage so entscheidend sind
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut der Zukunftsstudie Kita-Management 2024 von Wolters Kluwer sehen 80 % der Kita-Leitungen das größte Potenzial für Entlastung bei der Dienstplanung und Personalverwaltung. 96,6 % wünschen sich vor allem Zeitersparnis durch digitale Werkzeuge. Die digitale Ausstattung bewerten Leitungen im Schnitt nur mit der Schulnote 3 - und über 25 % vergeben für die WLAN-Verfügbarkeit die Note „mangelhaft” oder „ungenügend”.
Das bedeutet: Du startest in eine Rolle, die strukturell unter Druck steht - mit lückenhafter digitaler Infrastruktur und hohem Verwaltungsaufwand. Umso wichtiger, dass du von Anfang an weißt, wo du deine Energie investierst - und wo nicht. Perfektionismus ist hier keine Tugend, sondern eine Falle.
Die ersten 100 Tage entscheiden darüber, ob du Strukturen aufbaust, die dich langfristig tragen, oder ob du dich in Einzelbaustellen verlierst. Dein Ziel ist nicht, alles perfekt zu machen. Dein Ziel ist, einen Überblick zu gewinnen, die gesetzlichen Pflichten zu sichern und erste eigene Strukturen zu etablieren.
Phase 1: Überblick verschaffen (Woche 1–2)
In den ersten zwei Wochen geht es um genau eine Sache: verstehen, wo du stehst. Noch nicht verändern, noch nicht optimieren - nur verstehen.
Den Ist-Zustand aufnehmen
Verschaffe dir einen Überblick über die wichtigsten Bereiche deiner Einrichtung:
- Personal: Wer arbeitet hier? Welche Qualifikationen, Verträge, Arbeitszeiten gibt es? Gibt es offene Stellen? Stehen Vertretungsregelungen auf dem Papier - oder nur in den Köpfen?
- Kinder und Gruppen: Wie viele Kinder, welche Altersstruktur, welche Gruppenform? Wie ist die Auslastung? Gibt es Wartelisten oder anstehende Eingewöhnungen?
- Finanzen: Welches Budget steht dir zur Verfügung? Wo liegen laufende Kosten? Gibt es offene Rechnungen oder Anträge? Wer hat bisher die Finanzen betreut?
- Räume und Ausstattung: Wie ist der Zustand der Räume? Gibt es akuten Handlungsbedarf bei Sicherheit oder Hygiene? Sind Spielgeräte geprüft?
- Träger und Behörden: Wer sind deine Ansprechpartner beim Träger, beim Jugendamt, beim Gesundheitsamt? Gibt es laufende Auflagen oder Vereinbarungen?
- Dokumentenlage: Wo sind Verträge, Konzeption, Betriebserlaubnis, Schlüssel, Passwörter? Gibt es ein zentrales Ablagesystem - digital oder analog?
Mach dir Notizen, lege dir eine einfache Liste an. Es geht nicht um ein perfektes Audit, sondern darum, die blinden Flecken zu finden. Viele neue Leitungen berichten, dass sie in den ersten Tagen das Gefühl haben, nur Fragen zu stellen. Genau so soll es sein.
Mit dem Team sprechen
Führe in den ersten zwei Wochen Einzelgespräche mit jeder Fachkraft - auch wenn es nur 15 Minuten sind. Frag nicht nur nach Abläufen, sondern auch nach Stimmung, Wünschen und Sorgen. Was läuft gut? Was fehlt? Was war bisher schwierig?
Diese Gespräche geben dir zwei Dinge: Informationen, die in keinem Ordner stehen, und ein Signal an dein Team, dass du zuhörst, bevor du entscheidest.
Die Eltern kennenlernen
Stell dich den Eltern vor - ob per Aushang, E-Mail oder kurzer Ansprache beim Bringen und Abholen. Du musst jetzt noch keinen Elternabend organisieren. Aber Sichtbarkeit schafft Vertrauen.
Das Wichtigste in Phase 1
Widerstehe dem Drang, sofort Dinge zu verändern. Auch wenn du Probleme siehst: In den ersten zwei Wochen sammelst du. Du sortierst später.
Phase 2: Pflichten checken (Monat 1)
Jetzt wird es ernst - aber systematisch. Im ersten Monat prüfst du, ob die gesetzlichen Pflichtdokumente und -prozesse vorhanden und aktuell sind. Das sind die Bereiche, die nicht warten können, weil sie die Grundlage für deine Betriebserlaubnis und die Sicherheit der Kinder bilden.
Die vier großen Pflichtbereiche
1. Pädagogische Konzeption (§ 22a SGB VIII)
Jede Kita braucht eine pädagogische Konzeption. Das Gesetz verlangt, dass die Träger der öffentlichen Jugendhilfe die Qualität der Förderung in Tageseinrichtungen sicherstellen - durch eine Konzeption als Grundlage und durch Instrumente zur Evaluation der Arbeit. Prüfe: Gibt es eine aktuelle Konzeption? Wann wurde sie zuletzt überarbeitet? Kennt das Team sie?
Du musst die Konzeption nicht im ersten Monat neu schreiben. Aber du musst wissen, ob es eine gibt und ob sie noch zur Realität deiner Kita passt.
2. Kinderschutzkonzept (§ 45 SGB VIII)
Das Kinderschutzkonzept ist seit dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) von 2021 Voraussetzung für die Betriebserlaubnis. Ohne Schutzkonzept - keine Erlaubnis. Das Gesetz verlangt die Entwicklung, Anwendung und Überprüfung eines Konzepts zum Schutz vor Gewalt, geeignete Verfahren der Selbstvertretung und Partizipation sowie Beschwerdemöglichkeiten in persönlichen Angelegenheiten innerhalb und außerhalb der Einrichtung. In der Praxis wird empfohlen, das Konzept mit einer Risikoanalyse, einem Verhaltenskodex und einem Interventionsplan bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung zu unterlegen.
Prüfe: Existiert ein Schutzkonzept? Ist es einrichtungsspezifisch oder nur eine Kopie vom Träger? Kennen die Fachkräfte den Interventionsplan? Gibt es Beschwerdemöglichkeiten für Kinder?
Das ist die höchste Priorität. Wenn hier etwas fehlt, muss es sofort auf die Agenda.
3. Qualitätsentwicklung (§ 79a SGB VIII)
Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe müssen Grundsätze und Maßstäbe für die Bewertung der Qualität entwickeln, anwenden und regelmäßig überprüfen. In der Praxis bedeutet das: Gibt es bei euch ein QM-System? Gibt es Prozessbeschreibungen, Evaluationsbögen, regelmäßige Reflexionsrunden?
Wenn nicht: kein Grund zur Panik. Aber nimm es auf deine Liste für Phase 3.
4. Fortbildung sicherstellen
Der Träger sollte Fortbildung und Praxisberatung für die Fachkräfte gewährleisten. § 72 Abs. 3 SGB VIII verpflichtet die Träger der öffentlichen Jugendhilfe, die Fortbildung der Mitarbeiter des Jugendamts und des Landesjugendamts sicherzustellen. Für Fachkräfte in Tageseinrichtungen ergeben sich Fortbildungspflichten vor allem aus den jeweiligen Landesgesetzen (z. B. KiBiz, KiTaG) sowie aus § 22a SGB VIII (Qualitätssicherung). Prüfe: Gibt es einen Fortbildungsplan? Haben alle Fachkräfte in den letzten zwei Jahren an Fortbildungen teilgenommen? Gibt es ein Budget dafür?
Weitere Pflichtdokumente prüfen
Neben den vier großen Bereichen gibt es weitere Pflichtdokumente, die vorhanden sein müssen:
- Hygieneplan nach § 36 IfSG: Jede Gemeinschaftseinrichtung muss einen einrichtungsspezifischen Hygieneplan vorhalten. Das Gesundheitsamt kann ihn jederzeit einsehen. Der Plan sollte mindestens jährlich auf Aktualität geprüft und bei Bedarf aktualisiert werden - so empfehlen es die Rahmenhygienepläne der Länder.
- Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG: Pflicht für jeden Arbeitgeber. Sie identifiziert Gefahren am Arbeitsplatz und legt Schutzmaßnahmen fest.
- Brandschutzordnung: Mindestens Teil A und B, dazu Flucht- und Rettungspläne und die Dokumentation jährlicher Evakuierungsübungen.
- Unfallbuch (DGUV Vorschrift 1): Jeder Unfall muss dokumentiert werden - auch Bagatellverletzungen.
- Datenschutz-Verarbeitungsverzeichnis (Art. 30 DSGVO): Dokumentation aller personenbezogenen Datenverarbeitungen in der Kita.
Mach dir eine Checkliste
Geh diese Punkte Schritt für Schritt durch. Hake ab, was vorhanden und aktuell ist. Markiere, was fehlt oder veraltet ist. Priorisiere danach: Was betrifft die Betriebserlaubnis direkt (Schutzkonzept, Hygieneplan)? Das kommt zuerst. Was ist wichtig, aber nicht sofort existenzbedrohend (QM, Fortbildungsplan)? Das kommt in Phase 3.
Und ganz wichtig: Dokumentiere deinen Status quo. Wenn du eine Kita übernimmst, in der Dinge fehlen, ist es entscheidend, dass nachvollziehbar ist, was du vorgefunden hast und welche Schritte du einleitest.
Phase 3: Strukturen aufbauen (Monat 2–3)
Du hast jetzt einen Überblick. Du weißt, wo die Lücken sind. Ab jetzt geht es darum, systematisch Strukturen aufzubauen, die dich im Alltag entlasten.
Kommunikationsstrukturen etablieren
Was in vielen Kitas fehlt, sind klare Kommunikationswege. Etabliere:
- Wöchentliche Kurzabsprachen (15–20 Minuten) mit dem gesamten Team - kein Diskussionsforum, sondern ein kurzer Infoaustausch.
- Monatliche Teamsitzungen mit fester Agenda und Protokoll.
- Einen festen Kanal für Elternkommunikation (Aushang, E-Mail, Kita-App - aber einheitlich).
- Regelmäßige Gespräche mit dem Träger - monatlich oder nach Bedarf.
Jahresplanung angehen
Erstelle einen groben Jahresplan für das laufende und das kommende Kita-Jahr. Trage feste Termine ein: Schließzeiten, Elternabende, Entwicklungsgespräche, Teamfortbildungen, Evakuierungsübungen, Fristen für Anträge. So vermeidest du, dass dich Termine überraschen.
Verwaltungsprozesse vereinfachen
Viele Kita-Leitungen schaffen ihre Verwaltungsarbeit kaum in der regulären Arbeitszeit. Du wirst das Problem nicht in drei Monaten lösen, aber du kannst anfangen:
- Vorlagen nutzen statt neu erfinden. Für Elternbriefe, Gesprächsdokumentationen, Einverständniserklärungen - arbeite mit Vorlagen, die du einmal erstellst und dann nur noch anpasst.
- Wiederkehrende Aufgaben terminieren. Statt alles im Kopf zu behalten, lege feste Zeiten für Verwaltung fest: zum Beispiel Dienstag- und Donnerstagvormittag, wenn das Team vollständig ist.
- Delegieren, wo es geht. Nicht jede Leitungsaufgabe muss bei dir liegen. Übergib Verantwortung für Bereiche wie Materialbestellung, Fortbildungsplanung oder Elternbriefe an Fachkräfte, die das übernehmen wollen.
Qualitätsentwicklung starten
Du musst kein komplettes QM-System in drei Monaten aufbauen. Aber starte mit dem Grundstein:
- Definiere drei bis fünf Kernprozesse, die in deiner Kita einheitlich laufen sollen (z. B. Eingewöhnung, Elterngespräche, Medikamentengabe).
- Erstelle dafür einfache Ablaufbeschreibungen - kein 20-seitiges Handbuch, sondern eine Seite pro Prozess.
- Plane eine erste Evaluation im Team: Was läuft gut, wo brauchen wir Verbesserung?
Fortbildung planen
Erstelle einen Fortbildungsplan für das Team. Berücksichtige dabei sowohl Pflichtfortbildungen (Erste Hilfe, Brandschutz, Kinderschutz) als auch fachliche Schwerpunkte, die zu eurer Konzeption passen. Kläre mit dem Träger, welches Budget zur Verfügung steht.
Ein Tipp: Führe eine einfache Übersicht, in der du für jede Fachkraft festhältst, welche Fortbildungen absolviert wurden und wann die nächste Auffrischung fällig ist. Das hilft nicht nur bei der Planung, sondern auch bei Prüfungen durch das Landesjugendamt.
Netzwerk aufbauen
Unterschätze nicht den Wert eines Netzwerks. Suche den Kontakt zu anderen Kita-Leitungen in deiner Gemeinde oder deinem Trägerverbund. Viele Kommunen bieten Leitungsrunden oder Arbeitskreise an. Dort bekommst du Praxiswissen, das kein Fachbuch liefert - zum Beispiel, welche Fortbildungsanbieter wirklich gut sind, wie andere Einrichtungen mit Personalmangel umgehen oder wie das Jugendamt vor Ort tickt.
Auch Fachberatungen deines Trägers oder des Jugendamts sind wertvolle Anlaufstellen. Sie kennen die regionalen Anforderungen und können dich bei der Umsetzung von Pflichtaufgaben unterstützen.
Die 100-Tage-Übersicht auf einen Blick
| Zeitraum | Fokus | Kernfragen |
|---|---|---|
| Woche 1–2 | Überblick verschaffen | Wo stehe ich? Was ist da, was fehlt? Wer ist mein Team? |
| Monat 1 | Pflichten checken | Schutzkonzept? Hygieneplan? Konzeption? Was muss sofort passieren? |
| Monat 2–3 | Strukturen aufbauen | Kommunikation, Jahresplan, Verwaltungsprozesse, erste QM-Schritte |
Was du dir erlauben darfst
Zum Schluss noch etwas, das in keinem Gesetzestext steht, aber mindestens genauso wichtig ist:
Du darfst Fehler machen. Du darfst Dinge nicht wissen. Du darfst nachfragen - beim Träger, beim Jugendamt, bei Kolleginnen in anderen Einrichtungen. Niemand erwartet, dass du vom ersten Tag an alles im Griff hast. Auch deine Vorgängerin hatte das nicht.
Du darfst Prioritäten setzen. Nicht alles, was jemand von dir erwartet, ist auch wichtig. Dein Kinderschutzkonzept ist wichtiger als die perfekte Wanddeko im Flur. Dein Hygieneplan ist wichtiger als ein neues Sommerfest-Konzept.
Du darfst dir Hilfe holen. Ob Fachliteratur, Fortbildungen, Netzwerke oder fertige Vorlagen - es ist kein Zeichen von Schwäche, nicht alles von Grund auf selbst zu entwickeln. Es ist ein Zeichen von Professionalität.
Du schaffst das. Nicht alles auf einmal, aber Schritt für Schritt.
Ein Tipp zum Start
Wenn du die ersten Wochen strukturiert angehen willst und nicht alles selbst zusammensuchen möchtest: Das Starter-Kit von Kita Zentrale enthält die E-Mail-Vorlagen, Checklisten, das Elterngespräch-Set und das Pflichtdokumente-Paket in einem Bundle - für 99 € statt 126 €. Entwickelt für neue Kita-Leitungen, die schnell ins Arbeiten kommen wollen, ohne das Rad neu zu erfinden.
Quellenangaben
- Wolters Kluwer (2024): Zukunftsstudie Kita-Management 2024 - Digitalisierung im Kita-Alltag. wolterskluwer.com
- § 22a SGB VIII - Förderung in Tageseinrichtungen (Konzeption, Evaluation, Qualitätsentwicklung). gesetze-im-internet.de
- § 45 SGB VIII - Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung (Betriebserlaubnis, Kinderschutzkonzept). gesetze-im-internet.de
- § 79a SGB VIII - Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe. gesetze-im-internet.de
- § 72 Abs. 3 SGB VIII - Mitarbeiter, Fortbildung (Fortbildung und Praxisberatung der Mitarbeiter des Jugendamts und Landesjugendamts). gesetze-im-internet.de
- § 36 IfSG - Infektionsschutz bei bestimmten Einrichtungen (Hygieneplan-Pflicht). gesetze-im-internet.de
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Die konkreten Anforderungen können je nach Bundesland und Träger variieren. Stand: März 2026.