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Eingewöhnung in der Kita: Der Komplett-Guide

Alle vier Modelle, realistische Timelines, häufige Probleme und konkrete Lösungen - damit dein Team die Eingewöhnung professionell gestaltet.

Eingewöhnung in der Kita - Elternteil und Kind auf dem Weg zur Kita

Die Eingewöhnung ist der sensibelste Moment im Kitajahr. Wie ein Kind den Übergang von der Familie in die Kita erlebt, prägt sein Sicherheitsgefühl, sein Vertrauen in neue Bezugspersonen - und oft auch die Beziehung der Eltern zu deiner Einrichtung für die kommenden Jahre.

Dieser Guide gibt dir als Kita-Leitung alles, was du für eine professionelle Eingewöhnung brauchst: alle vier in Deutschland verbreiteten Modelle im direkten Vergleich, realistische Zeitpläne, konkrete Lösungen für häufige Probleme und einen klaren Rahmen für die Elternkommunikation. Ob du eine Krippe oder einen Kindergarten leitest, ob du 5 oder 50 Kinder pro Jahr eingewöhnst - hier findest du die fachliche Grundlage und die praktischen Werkzeuge dafür.

Warum ein klares Eingewöhnungskonzept unverzichtbar ist

Ein Eingewöhnungsmodell ist kein starres Regelwerk, das du blind abarbeitest. Es ist ein Orientierungsrahmen, der deinem Team Handlungssicherheit gibt - gerade in einer Phase, die emotional aufgeladen ist und in der schnelle Entscheidungen gefragt sind.

Ohne ein verbindliches Modell passiert schnell Folgendes: Jede Fachkraft macht es ein bisschen anders. Die eine trennt nach drei Tagen, die andere wartet drei Wochen. Eltern bekommen widersprüchliche Signale. Und wenn es schwierig wird - wenn ein Kind dauerhaft weint, wenn Eltern drängeln, wenn der Träger fragt, ob das Kind „jetzt endlich eingewöhnt" ist - fehlt die gemeinsame Grundlage für Entscheidungen. Das gehört zu den häufigsten Fehlern bei der Eingewöhnung.

Eltern fragen heute gezielt nach: „Nach welchem Modell arbeiten Sie?" ist inzwischen eine der häufigsten Fragen beim Anmeldegespräch. Wer hier keine klare Antwort hat, verliert Vertrauen - bevor die Eingewöhnung überhaupt begonnen hat.

Was ein gutes Eingewöhnungskonzept definiert

  • Wann welcher Schritt kommt
  • Wer welche Rolle hat (Bezugserzieherin, Eltern, Leitung)
  • Woran erkennbar ist, dass das Kind bereit für den nächsten Schritt ist
  • Was passiert, wenn der Prozess nicht planmäßig verläuft

Rechtliche Grundlagen

Es gibt keine bundesgesetzliche Pflicht, ein bestimmtes Eingewöhnungsmodell zu verwenden. Aber mehrere Normen machen eine strukturierte Eingewöhnung faktisch unverzichtbar:

  • § 22 SGB VIII (Grundsätze der Förderung): Der Förderauftrag umfasst die soziale und emotionale Entwicklung des Kindes. Ein gelingender Übergang in die Kita ist dafür eine zentrale Voraussetzung.
  • § 45 SGB VIII (Betriebserlaubnis): Das Wohl der Kinder muss gewährleistet sein. Ein abrupter Kita-Start ohne Eingewöhnung wäre schwer zu rechtfertigen.
  • § 1631 / § 832 BGB (Aufsichtspflicht): Der Übergang der Aufsichtspflicht von Eltern auf Einrichtung muss geregelt sein - die Eingewöhnung ist der geordnete Rahmen dafür.
  • § 22a SGB VIII (Qualitätsentwicklung): Träger müssen Qualitätsmerkmale für die Betreuung vereinbaren. Eingewöhnung ist in fast allen Rahmenverträgen als Qualitätsmerkmal verankert.

Alle 16 Landesbildungspläne erwähnen Eingewöhnung als zentralen Qualitätsbaustein. Viele Kitas sind verpflichtet, eine pädagogische Konzeption vorzuhalten (§ 45 Abs. 3 Nr. 1 SGB VIII), die auch die Gestaltung von Übergängen umfasst. Damit wird Eingewöhnung indirekt zur Dokumentationspflicht - nicht als eigenes Dokument, aber als Bestandteil der Konzeption.

Auch versicherungsrechtlich ist die Eingewöhnung relevant: Die gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) greift ab dem Moment, in dem das Kind in die Obhut der Einrichtung übergeben wird. Ein dokumentierter Eingewöhnungsprozess mit klaren Übergabezeitpunkten ist daher auch aus Haftungsgründen wichtig.

Alle 4 Eingewöhnungsmodelle im Überblick

In Deutschland haben sich vier Eingewöhnungsmodelle etabliert. Alle vier sind fachlich fundiert, unterscheiden sich aber grundlegend in ihrer Haltung, ihrem Ablauf und ihrem Zeitrahmen. Einen detaillierten Vergleich der beiden bekanntesten Modelle findest du in unserem Artikel Eingewöhnungsmodelle im Vergleich: Berliner vs. Münchner Modell.

1. Das Berliner Eingewöhnungsmodell

Das Berliner Modell wurde in den 1980er-Jahren am Infans-Institut (Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit) von Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Éva Hédervári-Heller entwickelt. Es ist das am weitesten verbreitete Modell in Deutschland und basiert auf der Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth.

Der Kerngedanke: Kleine Kinder können sich nur dann auf eine neue Umgebung einlassen, wenn sie sich sicher fühlen. Diese Sicherheit kommt zunächst von der vertrauten Bezugsperson, die als „sichere Basis" im Raum anwesend ist. Erst wenn das Kind eine neue Bindungsbeziehung zur Erzieherin aufgebaut hat, kann die vertraute Bezugsperson sich schrittweise zurückziehen.

Die 4 Phasen des Berliner Modells

Phase 1: Grundphase (ca. 3 Tage)

  • Kind und Elternteil kommen gemeinsam in die Kita, ein bis zwei Stunden pro Tag
  • Der Elternteil bleibt im Raum, verhält sich passiv, aber aufmerksam - er ist da, drängt sich aber nicht auf
  • Die Bezugserzieherin nimmt behutsam Kontakt zum Kind auf
  • Kein Trennungsversuch in dieser Phase

Phase 2: Erster Trennungsversuch (ca. Tag 4)

  • Der Elternteil verabschiedet sich bewusst und klar und verlässt den Raum - bleibt aber in der Einrichtung
  • Die Trennung dauert zunächst nur wenige Minuten (maximal 30 Minuten)
  • Die Reaktion des Kindes ist diagnostisch entscheidend: Lässt es sich trösten, kann die Eingewöhnung zügig fortgesetzt werden. Ist es untröstlich, wird die Grundphase verlängert

Phase 3: Stabilisierungsphase (ab Tag 5)

  • Die Bezugserzieherin übernimmt zunehmend die Versorgung: Füttern, Wickeln, Trösten
  • Die Trennungszeiten werden schrittweise verlängert
  • Die Erzieherin beobachtet, ob das Kind sie als sichere Basis akzeptiert

Phase 4: Schlussphase

  • Der Elternteil ist nicht mehr in der Einrichtung, aber jederzeit telefonisch erreichbar
  • Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind die Erzieherin als sichere Basis akzeptiert, sich trösten lässt und Explorationsverhalten zeigt

Dauer: 2-3 Wochen (in der Praxis). Bei Kindern unter einem Jahr oder mit unsicherem Bindungsverhalten kann es länger dauern.

Rolle der Eltern: Passiv anwesend als „sicherer Hafen". Kein aktives Mitspielen, aber präsent und verfügbar.

Zunehmende Kritik: Das Berliner Modell wird heute differenzierter betrachtet. Die Kritik richtet sich vor allem gegen eine starre Umsetzung - etwa den erzwungenen Trennungsversuch an Tag 4, unabhängig davon, ob das Kind tatsächlich bereit ist. Viele Kitas arbeiten deshalb mit einer angepassten Version oder kombinieren Elemente verschiedener Modelle.

2. Das Münchener Eingewöhnungsmodell

Das Münchener Modell wurde von Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München entwickelt und 2009 veröffentlicht. Es baut auf dem Berliner Modell auf, erweitert es aber um wichtige Aspekte.

Der zentrale Unterschied: Während das Berliner Modell stark auf die Bindung zwischen Kind und Bezugserzieherin fokussiert, nimmt das Münchener Modell das Kind als kompetenten Akteur in den Blick. Die Eingewöhnung wird als Transition verstanden, die nicht nur das Kind betrifft, sondern das gesamte System: Kind, Eltern, Fachkräfte und Kindergruppe. Neben der Bindungstheorie stützt sich das Modell auf die Transitionsforschung (Griebel/Niesel) und die Resilienzforschung.

Die 5 Phasen des Münchener Modells

Phase 1: Vorbereitung (vor dem ersten Kita-Tag)

  • Ausführliches Aufnahmegespräch: Was ist das Kind gewohnt? Was tröstet es? Welche Rituale gibt es?
  • Eltern erhalten detaillierte Informationen über Ablauf und ihre Rolle
  • Ggf. Schnupperbesuch zum Kennenlernen der Räume

Diese Phase fehlt im Berliner Modell als eigenständiger, definierter Schritt. Im Münchener Modell ist sie systematischer Teil des Prozesses.

Phase 2: Kennenlernen (Woche 1-2)

  • Kind und Elternteil kommen gemeinsam, zunächst zwei bis drei Stunden
  • Der Elternteil nimmt aktiv am Gruppengeschehen teil - anders als im Berliner Modell
  • Kein Trennungsversuch. Täglicher Austausch zwischen Fachkraft und Eltern

Phase 3: Sicherheit (Woche 2-3)

  • Die Bezugserzieherin übernimmt zunehmend Pflegehandlungen
  • Das Kind zeigt erste Autonomiebestrebungen und löst sich vom Elternteil
  • Die Erzieherin achtet auf Signale: Sucht das Kind bei Unsicherheit Blickkontakt zur Fachkraft?

Phase 4: Vertrauen - erste Trennungen (Woche 3-4)

  • Erste kurze Trennungsversuche - deutlich später als im Berliner Modell
  • Trennungszeiten werden schrittweise ausgedehnt
  • Tägliche Reflexionsgespräche mit dem Elternteil

Phase 5: Auswertung

  • Abschließendes Reflexionsgespräch zwischen Erzieherin und Eltern
  • Gemeinsame Einschätzung des Eingewöhnungsverlaufs
  • Dokumentation des gesamten Prozesses

Dauer: 4-6 Wochen. Deutlich länger als das Berliner Modell, aber mit mehr Raum für individuelle Verläufe.

Rolle der Eltern: Aktiv beteiligt als Bildungspartner. Eltern nehmen am Gruppengeschehen teil und werden nicht in eine passive Rolle gedrängt.

Besonderheiten: Die Kindergruppe spielt eine aktive Rolle. Andere Kinder werden bewusst einbezogen, weil Gleichaltrige für Kleinkinder wichtige Interaktionspartner sind. Außerdem wird der eigene Übergangsprozess der Eltern ernst genommen.

3. Das Tübinger Modell (Peergroup-Eingewöhnung)

Das Tübinger Modell wurde von Heike Fink ab 2011 in einem Forschungsprojekt an der Universität Tübingen entwickelt und 2022 als KiTa-Fachtext veröffentlicht (Buchform bei Klett Kita, 2023). Der Ansatz kombiniert Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie und Peerforschung zu einem innovativen Konzept: Die Eingewöhnung findet in Kleingruppen von 3-5 Kindern gleichzeitig statt.

Der Kerngedanke: Kinder sind von Beginn an auf Gleichaltrige bezogen. Peers - Kinder in einer ähnlichen Entwicklungsphase, die gleichzeitig vor derselben Herausforderung stehen - können den Übergangsprozess positiv moderieren. Evaluationen des Modells bestätigen, dass der Peer-Kontakt ein entscheidender Faktor für eine gelingende Eingewöhnung sein kann (vgl. Fink, KiTa Fachtext 2/2022).

Ablauf des Tübinger Modells

Tag 1-3: Ankommen in der Peer-Gruppe

  • 3-5 Kinder (bei U2-Kindern 3-4) kommen gemeinsam mit ihren Bezugspersonen in einen separaten, altersgerechten Raum
  • Feste Rituale strukturieren die Sitzung: Begrüßungskreis, gemeinsame Aktivität, Snack
  • Zwei Fachkräfte begleiten als „Eingewöhnungstandem" - nicht eine einzelne Bezugserzieherin
  • Eltern sitzen gemeinsam in einem dedizierten Bereich und ziehen sich schrittweise zurück
  • Kein Trennungsversuch in der ersten Woche

Tag 4-5 / Ende Woche 1: Erste Trennungen

  • Trennungen werden als „Botengänge" gerahmt, um das Weggehen zu normalisieren
  • Das selbstbewussteste Kind in der Peer-Gruppe geht in der Regel als erstes. Andere Kinder initiieren die Trennung manchmal spontan, z. B. durch Winken
  • Eltern verlassen zunächst nicht das Gebäude, sondern warten in einem Nebenraum

Woche 2: Verlängerte Trennungen

  • Trennungszeiten werden progressiv ausgedehnt
  • Die Tür des separaten Raums öffnet sich zum allgemeinen Kita-Geschehen

Woche 3+: Integration

  • Volle Integration in den regulären Kita-Alltag
  • Der separate Raum bleibt als Rückzugsort verfügbar

Dauer: 4-6 Wochen (Familien wird empfohlen, 6-8 Wochen einzuplanen).

Rolle der Eltern: Aktiv. Eltern spielen mit ihrem eigenen und anderen Kindern der Gruppe, wenn eingeladen. Ein wichtiger Nebeneffekt: Die Eltern lernen sich untereinander kennen und bilden selbst eine Peer-Community, was Isolation in der Eingewöhnungsphase reduziert.

Besonderheiten: Durch die Gruppenlösung ist der Personaleinsatz effizienter als bei Einzeleingewöhnungen. Allerdings ist das Modell organisatorisch anspruchsvoll, weil 3-5 Familien zeitlich koordiniert werden müssen. Für sehr zurückhaltende Kinder kann die Gruppensituation auch eine Überforderung darstellen.

4. Das Partizipatorische Eingewöhnungsmodell

Das Partizipatorische Eingewöhnungsmodell wurde von Prof. Dr. Marjan Alemzadeh ab 2018 entwickelt und ist das jüngste der vier Modelle. Es erschien 2024 als Buch bei Herder und wird durch ein Netzwerk aus Fortbildungen, Multiplikator:innen-Ausbildung und Online-Kurs verbreitet.

Das Modell zeichnet sich durch einen interdisziplinären Ansatz aus: Es verbindet Bindungstheorie mit Transitionsforschung (Griebel/Niesel), Traumapädagogik und Reggio-Pädagogik. Ein zentrales Element ist das „Wahrnehmende Beobachten" (nach Schäfer/Alemzadeh, 2012) - eine strukturierte Beobachtungsmethode, die aus der Reggio-Pädagogik stammt und alle Kommunikationskanäle des Kindes einbezieht, nicht nur die verbale Ebene.

Der entscheidende Unterschied zu allen anderen Modellen: Kein Schritt basiert auf einem Kalendertag oder der Einschätzung der Fachkraft allein. Jede Entscheidung - ob Trennung, Verlängerung oder nächster Schritt - erfordert beobachtbare Signale des Kindes.

Die 7 Phasen des Partizipatorischen Modells

Phase 1: Informieren

Vor dem ersten Kita-Tag werden Familien ausführlich über den Ablauf informiert. Die Fachkraft erfährt die Lebenswelt des Kindes.

Phase 2: Ankommen

Kind und Elternteil kommen gemeinsam und folgen dem vollen Tagesablauf. Kein Zeitdruck, keine vorgegebene Aufenthaltsdauer.

Phase 3: In Kontakt treten

Die Fachkraft hält sich bewusst zurück und beobachtet. Der Kontakt wird vom Kind initiiert, nicht von der Fachkraft gesteuert. Das unterscheidet das Modell von allen anderen, bei denen die Erzieherin aktiv auf das Kind zugeht.

Phase 4: Beziehungen aufbauen

Es vergehen durchschnittlich zwei Wochen, bevor eine tragfähige Beziehung zur Bezugsperson besteht. Keine vorzeitige Trennung - Alemzadeh bezeichnet erzwungene Frühtrennungen explizit als potenziell traumatisierend.

Phase 5: Sich in der Einrichtung wohlfühlen

Signale der Bereitschaft: Das Kind kommt freudig an, sucht von sich aus Blickkontakt oder körperliche Nähe zur Bezugserzieherin und freut sich auf bestimmte Aktivitäten.

Phase 6: Bereit für den Abschied

Die Bezugsperson übt kurze Abwesenheiten - noch keine volle Trennung, sondern eine Generalprobe. Das Kind weiß, wohin die Bezugsperson geht. Erst wenn die Signale aus Phase 5 klar erkennbar sind, wird dieser Schritt eingeleitet.

Phase 7: Kita wird zum Alltag

Volle Trennung ohne anhaltenden Protest. Aktive Teilnahme am Kita-Alltag. Die Zeit ohne Eltern wird schrittweise bis zum vollen Betreuungsumfang ausgedehnt.

Dauer: 3-5 Wochen, individuell je nach Kind. Kein fester Zeitrahmen.

Rolle der Eltern: Aktiv und partizipativ. Der Übergangsprozess der Eltern selbst wird explizit mitgedacht. Ein besonderes Merkmal: Das Modell berücksichtigt auch, wie unverarbeitete Trennungserfahrungen der Eltern oder Fachkräfte den Eingewöhnungsprozess beeinflussen können (traumapädagogische Dimension).

Besonderheiten: Das Modell erfordert eine hohe Reflexionskompetenz der Fachkräfte und eine systematische Beobachtungspraxis. Es ist das wissenschaftlich jüngste Modell mit wachsender, aber noch begrenzter Evaluationslage. Die akademische Sprache kann den Praxistransfer erschweren - ein Grund, warum begleitende Fortbildungen empfohlen werden.

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Vergleichstabelle: Welches Modell passt zu deiner Kita?

Kriterium Berliner Modell Münchener Modell Tübinger Modell Partizipatorisch
Entwickelt ca. 1990 2009 ab 2011 ab 2018
Autor:innen Laewen, Andres, Hédervári-Heller (Infans) Winner, Erndt-Doll (IFP München) Heike Fink (Universität Tübingen) Prof. Dr. Alemzadeh
Theoretische Basis Bindungstheorie Bindungstheorie + Transitionsforschung + Resilienzforschung Bindungstheorie + Entwicklungspsychologie + Peerforschung Bindungstheorie + Transitionsforschung + Traumapädagogik + Reggio-Pädagogik
Phasen 4 5 3-4 (als Gruppe) 7
Dauer 2-3 Wochen 4-6 Wochen 4-6 Wochen 3-5 Wochen
Erster Trennungsversuch Ca. Tag 4 Woche 3-4 Ende Woche 1 (individuell) Signalbasiert (kein fester Zeitpunkt)
Rolle der Eltern Passiv anwesend („sicherer Hafen") Aktiv beteiligt (Bildungspartner) Aktiv in der Gruppe Aktiv + partizipativ
Rolle der Kindergruppe Nicht explizit einbezogen Bewusst einbezogen Zentral (Peer-Gruppe) Mittel
Personalaufwand Moderat Hoch Effizient (Gruppenlösung, 2 Fachkräfte) Hoch
Verbreitung Sehr hoch (Standard) Mittel Gering, wachsend Gering, wachsend
Forschungslage Gut erforscht Gut erforscht Begrenzt Wachsend
Geeignet für Einrichtungen mit begrenztem Personal, klarer Struktur Gute Personalausstattung, partizipativer Ansatz Mehrere gleichzeitige Aufnahmen, teamorientiert Hohe Reflexionskompetenz im Team, individuelle Begleitung

Welches Modell passt?

Es gibt kein „besseres" Modell. Die Entscheidung hängt von den Rahmenbedingungen deiner Einrichtung ab - Personalausstattung, pädagogische Konzeption, Anzahl der gleichzeitigen Aufnahmen und Reflexionskultur im Team.

In der Praxis arbeiten viele Kitas mit einer Mischform. Das ist legitim, solange die Kombination im Team reflektiert und schriftlich festgehalten ist. Problematisch wird es, wenn „Mischform" bedeutet, dass jede Fachkraft es anders macht und es kein verbindliches Konzept gibt.

Realistische Timeline für die Eingewöhnung

Was viele Leitungen unterschätzen: Die Eingewöhnung wird häufig mit denselben Zeitvorgaben geplant, unabhängig vom Alter des Kindes und dem gewählten Modell. Hier ein realistischer Überblick, der dir bei der Planung hilft.

Berliner Modell: 2-3 Wochen (Mindestplan)

  • Tag 1-3: Grundphase. Kind und Elternteil gemeinsam in der Kita, 1-2 Stunden. Kein Trennungsversuch.
  • Tag 4: Erster Trennungsversuch. Wenige Minuten. Reaktion entscheidet über weiteren Verlauf.
  • Tag 5-10: Stabilisierung. Trennungszeiten schrittweise von 30 Minuten auf mehrere Stunden.
  • Tag 11-15: Schlussphase. Voller Betreuungsumfang. Eltern telefonisch erreichbar.

Münchener Modell: 4-6 Wochen

  • Vor Tag 1: Vorbereitungsphase. Aufnahmegespräch, Schnupperbesuch.
  • Woche 1-2: Kennenlernen. Kind und Elternteil gemeinsam, 2-3 Stunden. Eltern aktiv beteiligt.
  • Woche 2-3: Sicherheitsphase. Fachkraft übernimmt Pflegeroutinen. Eltern ziehen sich im Raum zurück.
  • Woche 3-4: Erste Trennungen. Schrittweise verlängert. Tägliche Reflexionsgespräche.
  • Woche 5-6: Auswertung. Abschlussgespräch, Dokumentation.

Tübinger Modell: 4-6 Wochen (6-8 Wochen empfohlen)

  • Tag 1-3: Ankommen in der Peer-Gruppe. 3-5 Kinder mit Eltern im separaten Raum, 1,5-2 Stunden.
  • Tag 4-5: Erste kurze Trennungen als „Botengänge". Eltern im Nebenraum.
  • Woche 2: Verlängerte Trennungen. Raum öffnet sich zum Kita-Alltag.
  • Woche 3+: Integration in den regulären Betrieb. Separater Raum bleibt als Rückzugsort.

Partizipatorisches Modell: 3-5 Wochen (individuell)

  • Vor Tag 1: Informieren. Ausführlicher Austausch mit der Familie.
  • Woche 1-2: Ankommen, in Kontakt treten, Beziehung aufbauen. Fachkraft hält sich zurück, Kind initiiert Kontakt.
  • Woche 2-3: Wohlfühlen. Kind zeigt Bereitschaftssignale (freudiges Ankommen, aktiver Kontakt zur Fachkraft).
  • Woche 3-4: Bereit für den Abschied. Kurze Abwesenheiten der Bezugsperson als Generalprobe.
  • Woche 4-5: Kita wird zum Alltag. Volle Trennung, schrittweise bis zum vollen Betreuungsumfang.

Zeitpuffer einplanen

Egal welches Modell: Plane immer mindestens eine Woche Puffer pro Kind ein. Verlängerungen kommen regelmäßig vor - bei Krankheit der Bezugserzieherin, Rückschritten nach dem Wochenende oder wenn das Kind einfach mehr Zeit braucht. Wenn du auf Kante planst, löst jede Verlängerung eine Kettenreaktion aus.

Kommuniziere den realistischen Zeitrahmen von Anfang an - gegenüber Eltern, Träger und deinem Team. Das vermeidet die Versuchung, den Prozess unter Druck zu beschleunigen.

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U3 vs. Ü3: Was sich unterscheidet

Die Eingewöhnung von Kindern unter drei Jahren unterscheidet sich grundlegend von der Eingewöhnung älterer Kinder. Nicht besser oder schlechter - anders. Beide Altersgruppen brauchen einen durchdachten Prozess, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

U3: Besonderheiten bei Kindern unter 3 Jahren

Kinder unter drei Jahren bringen andere Voraussetzungen mit - entwicklungspsychologisch, emotional, körperlich. Das hat konkrete Konsequenzen für die Eingewöhnung. Die wichtigsten Besonderheiten im Überblick:

Warum U3-Kinder mehr Zeit brauchen

  • Bindung als Überlebensprogramm: Bei Kindern unter drei Jahren ist die Bindungsbeziehung zur primären Bezugsperson noch in einer besonders intensiven Phase. Das Kind hat sein Bindungssystem noch nicht so weit ausdifferenziert, dass es problemlos zwischen mehreren Bezugspersonen wechseln kann.
  • Fehlendes Zeitverständnis: „Mama kommt bald" ist für ein Kind unter zwei Jahren bedeutungslos. Es lebt im Hier und Jetzt. Jede Trennung fühlt sich absolut an.
  • Selbstregulation noch nicht entwickelt: Die Fähigkeit, eigene Emotionen zu regulieren, entwickelt sich erst im dritten und vierten Lebensjahr. Bis dahin sind Kinder auf Co-Regulation durch eine vertraute Person angewiesen (vgl. Grossmann & Grossmann, 2012).
  • Pflege ist intimer: Wickeln, Füttern, Schlafen - diese Situationen erfordern eine intensive Vertrauensbasis zur Fachkraft, die Zeit braucht.

Anpassungen für U3

  • Grundphase verlängern: Bei Kindern unter 18 Monaten die dreitägige Grundphase (Berliner Modell) auf 5-7 Tage ausdehnen
  • Trennungszeit langsamer steigern: In kleineren Schritten - 10, 15, 20 Minuten statt direkt 30 Minuten
  • Pflegeroutinen spät einführen: Wickeln durch die Fachkraft frühestens nach der ersten erfolgreichen Trennung
  • Schlafen als letzten Schritt planen: Einschlafen ist ein hochvulnerabler Moment, der maximale Sicherheit erfordert
  • Übergangsobjekte aktiv nutzen: Kuscheltier, Schnuller, Tuch mit dem Geruch der Bezugsperson - echte Werkzeuge der Stressregulation, nicht nur „nette Idee"

Gesamtdauer U3: Mindestens 3-4 Wochen, oft 5-6 Wochen. Das gilt für alle Modelle.

Ü3: Besonderheiten bei Kindern ab 3 Jahren

Die Annahme „ältere Kinder schaffen das schon" ist einer der häufigsten Fehler. Kinder ab 3 sind sprachlich weiter - aber ihr Bindungssystem wird in neuen Situationen genauso aktiviert wie bei jüngeren Kindern. Das bedeutet: Auch Ü3-Kinder brauchen eine bewusste Eingewöhnung.

Was bei Ü3-Kindern anders ist

  • Sprachliche Kompetenz - Vorteil und Falle: Ein 3-Jähriges kann sagen „Ich will zu Mama." Das verleitet dazu, dem Kind mehr zuzutrauen, als es emotional leisten kann. Nur weil ein Kind sagen kann, dass es okay ist, heißt das nicht, dass es sich sicher fühlt.
  • Stärkere Elternbindung: Kinder, die ihre ersten drei Jahre ausschließlich in der Familie verbracht haben (die sogenannten „Hauskinder"), stehen vor einer doppelten Herausforderung. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts besuchten 2024 rund 30 % der 3-Jährigen noch keine Kindertageseinrichtung (vgl. Destatis, 2024).
  • Peer-Orientierung als Ressource: 3-Jährige bringen echtes Interesse an anderen Kindern mit. Die Kindergruppe kann ein Kind regelrecht „einladen", Teil des Geschehens zu werden - wenn sie darauf vorbereitet ist.
  • Antizipation: 3-Jährige erinnern sich an die Trennung vom Vortag und antizipieren, was kommt. Das kann den Trennungsschmerz verlängern.

Anpassungen für Ü3

  • Aktivitäten altersgerecht gestalten: Beziehung entsteht über geteilte Aktivität - bauen, malen, draußen spielen - nicht über passive Beobachtung
  • Peergruppe aktiv einbeziehen: Paten-Kinder benennen, Kleingruppen-Aktivitäten, Morgenkreis zur Vorbereitung nutzen
  • Nonverbale Signale beachten: Nicht nur auf Sprache verlassen. Körperhaltung, Spielverhalten und Beruhigungszeit nach der Trennung sagen mehr als Worte
  • Wechsel Krippe-Kindergarten nicht unterschätzen: Auch Kinder, die bereits eine Krippe besucht haben, brauchen bei einem Wechsel eine verkürzte, aber bewusste Eingewöhnung
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Elternkommunikation in der Eingewöhnung

Eingewöhnung gelingt nur, wenn Eltern und Fachkräfte als Team zusammenarbeiten. Das klingt selbstverständlich - ist es aber nicht. Eltern bringen eigene Bindungserfahrungen, Ängste und Erwartungen mit, die den Prozess stark beeinflussen. Deine Aufgabe als Leitung: Kommunikationsstrukturen schaffen, die vor der ersten Eingewöhnung stehen und nicht erst dann entstehen, wenn es Probleme gibt.

Vor der Eingewöhnung: Das Aufnahmegespräch

Das Aufnahmegespräch ist der erste Beziehungsmoment zwischen Kita und Familie. Es legt den Grundstein für das Vertrauen, das Eltern während der Eingewöhnung brauchen. Studien zur Elternzusammenarbeit zeigen: Je besser Eltern über den bevorstehenden Prozess informiert sind, desto weniger Trennungsangst übertragen sie auf ihr Kind (vgl. Griebel & Niesel, 2013: Übergänge verstehen und begleiten).

Was im Aufnahmegespräch besprochen werden sollte:

  • Das Eingewöhnungsmodell eurer Einrichtung - nicht als Fachvortrag, sondern in alltagsnaher Sprache: „In den ersten Tagen bleiben Sie mit Ihrem Kind zusammen. Wir schauen gemeinsam, wann Ihr Kind bereit ist, dass Sie den Raum kurz verlassen."
  • Die Rolle der Bezugserzieherin und wie die Zuordnung funktioniert
  • Realistische Zeitrahmen - inklusive der Aussage, dass sich die Dauer nach dem Kind richtet, nicht nach dem Kalender
  • Organisatorisches: Was mitbringen? Wann anfangen? Wie sind die Zeiten in den ersten Wochen?
  • Erlaubnis für elterliche Sorgen: „Es ist völlig normal, wenn Sie sich unsicher fühlen. Sprechen Sie uns jederzeit an."

Während der Eingewöhnung: Tägliche Kurzrückmeldungen

Der häufigste Elternvorwurf bei problematischen Eingewöhnungen lautet nicht „Ihr habt etwas falsch gemacht", sondern „Uns hat keiner was gesagt." Tägliche Kurzrückmeldungen - mündlich beim Abholen oder als kurze Notiz - verhindern dieses Kommunikationsvakuum.

Bewährtes Format (2-3 Sätze):

  • Beobachtung: Was hat das Kind gemacht? „Lena hat heute zum ersten Mal den Bällekorb selbst geholt."
  • Einordnung: Was bedeutet das? „Das zeigt, dass sie sich zunehmend im Raum orientiert."
  • Ausblick: Was kommt als Nächstes? „Morgen versuchen wir einen kurzen Abschied von 10 Minuten."

Schwierige Gespräche führen

Wenn eine Eingewöhnung ins Stocken gerät, brauchst du als Leitung klare Gesprächsgrundsätze. Die folgenden Grundsätze helfen dir bei schwierigen Gesprächen:

  • Transparenz statt Beschönigung: „Ihr Kind weint noch viel bei der Trennung, und wir sehen, dass es ihm schwerfällt" ist ehrlicher und vertrauensbildender als „Das wird schon."
  • Beobachtungen statt Bewertungen: Beschreibe, was du siehst, nicht was du interpretierst. „Lena sucht nach Ihnen im Raum und lässt sich bisher nur kurz trösten" ist hilfreicher als „Lena hat ein Bindungsproblem."
  • Eltern als Partner: „Was können wir zusammen tun, damit der Abschied leichter wird?" statt „Sie müssen konsequenter sein."
  • Konkrete nächste Schritte: Jedes Gespräch endet mit einem klaren Plan - was passiert morgen, wie lange bleibt das Kind, wann sprechen wir wieder?

Wenn Eltern Druck machen

Manche Eltern drängen auf eine schnelle Eingewöhnung - verständlicherweise, weil der Arbeitgeber wartet. Hier brauchst du fachliches Rückgrat:

  • Erkläre sachlich, warum eine erzwungene Trennung dem Kind schadet - ohne Vorwurf
  • Biete Alternativen: Kann das Kind zunächst halbtags kommen? Kann ein Großelternteil die Eingewöhnung übernehmen?
  • Dokumentiere den Verlauf schriftlich. Wenn ein Träger oder ein Elternteil Druck macht, halte deine fachliche Einschätzung und die Gründe schriftlich fest

Häufige Probleme und Lösungen

Nicht jede Eingewöhnung verläuft nach Plan. Die folgenden Situationen begegnen dir als Leitung regelmäßig - und jede verlangt eine andere Strategie. Hier die häufigsten Szenarien und was du tun kannst:

Problem 1: Kind weint anhaltend bei der Trennung

Weinen bei der Trennung ist in den ersten Tagen normal und kein Zeichen für ein Scheitern. Problematisch wird es, wenn das Kind sich über einen längeren Zeitraum (mehr als 15-20 Minuten) nicht von der Bezugserzieherin beruhigen lässt und keine Entspannungsphasen zeigt.

Lösung: Trennungszeit verkürzen, nicht verlängern. Lieber 5 Minuten mit erfolgreicher Beruhigung als 30 Minuten mit anhaltendem Stress. Das Kind braucht die Erfahrung: „Mama/Papa geht - aber kommt zuverlässig zurück." Diese Erfahrung baut sich in kleinen, positiv abgeschlossenen Einheiten auf.

Problem 2: Kind zeigt keine Reaktion auf die Trennung

Ein Kind, das bei der Trennung nicht weint, gilt oft als „pflegeleicht". Vorsicht: Fehlende Reaktion kann bedeuten, dass das Kind seine Bindungsbedürfnisse unterdrückt - besonders bei Kindern, die bereits Trennungserfahrungen gemacht haben. Achte auf Stresszeichen: geringes Explorationsverhalten, Rückzug, erhöhte Wachsamkeit.

Lösung: Beobachte genau und verlängere die Begleitphase. Trennungsversuche erst starten, wenn das Kind aktiv exploriert und Kontakt zur Bezugserzieherin aufnimmt - nicht nur, weil es „ruhig" ist.

Problem 3: Elternteil kann sich nicht lösen

Wenn die Bezugsperson bei jedem Abschied selbst weint, wiederholt zurückkommt oder das Kind beim kleinsten Laut wieder aus den Armen der Fachkraft nimmt, überträgt sich die Unsicherheit direkt auf das Kind. Kinder lesen die nonverbalen Signale ihrer Eltern mit höchster Präzision.

Lösung: Wertschätzend, aber klar kommunizieren. Biete ein zusätzliches Elterngespräch an: „Ich sehe, dass der Abschied für Sie genauso schwer ist wie für Ihr Kind. Das ist absolut verständlich. Lassen Sie uns gemeinsam überlegen, wie wir den Abschied für Sie beide leichter gestalten." In manchen Fällen hilft ein Wechsel der Bezugsperson - etwa wenn der andere Elternteil die Eingewöhnung übernehmen kann.

Problem 4: Rückschritte nach Krankheit oder Urlaub

Häufiges Szenario: Die Eingewöhnung lief gut, das Kind war krank oder im Urlaub, und danach geht alles wieder von vorne los. Das ist entwicklungspsychologisch normal - bei jüngeren Kindern reichen bereits 3-5 Tage Unterbrechung, um aufgebaute Sicherheit zu erschüttern.

Lösung: Plane nach jeder Unterbrechung ab drei Tagen eine „Mini-Eingewöhnung" ein: verkürzte Zeiten, Bezugserzieherin intensiver verfügbar, Trennungszeit langsam wieder steigern. Kommuniziere das auch präventiv an die Eltern, damit sie nicht erschrecken.

Problem 5: Personalmangel während der Eingewöhnungsphase

Die Realität in vielen Kitas: Im August/September starten gleichzeitig mehrere Eingewöhnungen, während das Team durch Urlaube und Krankheit ausgedünnt ist. Mehr dazu, wie du typische organisatorische Fehler vermeidest, findest du in unserem Artikel Eingewöhnung Fehler in der Kita: Die 7 häufigsten Probleme und wie du sie vermeidest.

Lösung: Eingewöhnungen staffeln (maximal 2-3 gleichzeitig pro Gruppe), Aufnahmen über August bis Oktober verteilen, Springkräfte einplanen und feste Vertretungsregeln für Bezugserzieherinnen definieren. Mehr dazu im Abschnitt Organisation und Personalplanung.

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Eingewöhnung dokumentieren

Dokumentation ist kein Bürokratie-Extra, sondern ein Qualitätsinstrument. Sie macht den Eingewöhnungsverlauf für alle Beteiligten nachvollziehbar, schützt bei Konflikten und liefert die Grundlage für fundierte Teambesprechungen. Sie macht den Eingewöhnungsverlauf für alle Beteiligten nachvollziehbar, schützt bei Konflikten und liefert die Grundlage für fundierte Teambesprechungen.

Was dokumentiert werden sollte

  • Tägliche Kurznotizen: Ankunftsverhalten, Trennungsreaktion, Beruhigungszeit, Explorationsverhalten, Kontaktaufnahme zur Bezugserzieherin, Schlaf- und Essverhalten
  • Phasenübergänge: Wann wurde die Trennung erstmals versucht? Wie hat das Kind reagiert? Wer hat entschieden? Auf welcher Grundlage?
  • Elterngespräche: Inhalt, Vereinbarungen, nächste Schritte - mit Datum und Unterschrift
  • Abschlusseinschätzung: Wann gilt die Eingewöhnung als abgeschlossen? Welche Kriterien wurden angelegt?

Kriterien für eine abgeschlossene Eingewöhnung

Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind folgende Verhaltensweisen zeigt (vgl. Laewen, Andres & Hédervári-Heller, 2011):

  • Aktives Explorationsverhalten im Raum
  • Kontaktaufnahme zur Bezugserzieherin bei Unsicherheit (statt Rückzug oder Erstarren)
  • Beruhigung durch die Bezugserzieherin innerhalb weniger Minuten
  • Teilnahme an Gruppenaktivitäten, Mahlzeiten und (bei Ganztagskindern) Schlafphasen
  • Wiedererkennen und Begrüßen der Bezugserzieherin am Morgen
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Organisation und Personalplanung

Die beste pädagogische Haltung hilft wenig, wenn die organisatorischen Rahmenbedingungen nicht stimmen. Als Leitung gestaltest du diese Rahmenbedingungen - und damit die Voraussetzung dafür, dass Eingewöhnung gelingen kann.

Aufnahmeplanung: Staffelung statt Stress

  • Maximal 2-3 Eingewöhnungen pro Gruppe gleichzeitig (Ausnahme: Tübinger Modell mit bewusster Kleingruppeneingewöhnung)
  • Aufnahmen über 3-4 Wochen verteilen: Nicht alle neuen Kinder am 1. August starten lassen. Eine gestaffelte Aufnahme von August bis Oktober schont Personal und Bestandskinder
  • Eingewöhnungszeiten im Dienstplan berücksichtigen: Bezugserzieherinnen brauchen während der Eingewöhnung feste Zeiten mit „ihrem" Kind - ohne parallele Gruppenverantwortung

Personalplanung für die Eingewöhnungsphase

  • Bezugserzieherin-Zuordnung vor dem Start: Wer welches Kind eingewöhnt, sollte vor dem ersten Tag feststehen - nicht spontan am Morgen
  • Vertretungsregelung definieren: Was passiert, wenn die Bezugserzieherin krank wird? Eine benannte Vertretungsperson, die das Kind bereits kennt, verhindert einen Neustart
  • Urlaubssperre bedenken: In der Haupteingewöhnungsphase (August/September) sollte möglichst kein Urlaub der Bezugserzieherinnen liegen
  • Springkräfte einplanen: Die restliche Gruppe braucht Betreuung, während die Bezugserzieherin intensiv mit dem neuen Kind arbeitet

Teamvorbereitung

Vor der Eingewöhnungsphase braucht das Team Klarheit über das Vorgehen. Eine Teambesprechung im Juni/Juli sollte folgende Punkte klären:

  • Welches Eingewöhnungsmodell nutzen wir - und warum?
  • Wie dokumentieren wir? Welche Beobachtungsbögen verwenden wir?
  • Wer ist Bezugserzieherin für welches Kind?
  • Was sind unsere Kriterien für Phasenübergänge und Abschluss?
  • Wie kommunizieren wir mit Eltern - Frequenz, Format, Inhalte?
  • Was tun wir, wenn eine Eingewöhnung stockt?

Unser Eingewöhnungs-System enthält unter anderem strukturierte Team-Checklisten, Beobachtungsbögen und Gesprächsleitfäden, die du direkt in dieser Teambesprechung einsetzen kannst.

Häufige Fragen zur Eingewöhnung

Welches Eingewöhnungsmodell ist das beste?
Es gibt kein objektiv bestes Modell. Das Berliner Modell eignet sich für Einrichtungen mit begrenztem Personal und klarer Struktur. Das Münchener Modell passt zu Kitas mit guter Personalausstattung und partizipativem Ansatz. Das Tübinger Modell ist effizient bei mehreren gleichzeitigen Aufnahmen. Das Partizipatorische Modell bietet die höchste Individualisierung, erfordert aber hohe Reflexionskompetenz.
Wie lange dauert eine Eingewöhnung in der Kita?
Je nach Modell und Kind: Berliner Modell 2-3 Wochen, Münchener Modell 4-6 Wochen, Tübinger Modell 4-6 Wochen, Partizipatorisches Modell 3-5 Wochen. Bei U3-Kindern solltest du grundsätzlich mehr Zeit einplanen. Das Tempo bestimmt immer das Kind, nicht der Kalender.
Wann findet der erste Trennungsversuch statt?
Beim Berliner Modell ca. am 4. Tag, beim Münchener Modell in Woche 3-4, beim Tübinger Modell individuell in der Gruppe (frühestens Ende Woche 1), beim Partizipatorischen Modell ausschließlich signalbasiert - es gibt keinen festen Zeitpunkt.
Was tun, wenn die Eingewöhnung nicht klappt?
Drei Optionen: Verlängern (wenn langsame Fortschritte erkennbar sind), Pausieren (bei deutlichen Belastungssymptomen und äußeren Stressfaktoren) oder Neu starten (ggf. mit neuer Bezugserzieherin). Wichtig: Ursachen systematisch analysieren, bevor du handelst.
Brauchen Kinder ab 3 Jahren noch eine Eingewöhnung?
Ja, unbedingt. Auch bei 3-Jährigen wird das Bindungssystem in neuen Situationen aktiviert. Sprachliche Reife bedeutet nicht emotionale Reife. Die Eingewöhnung sieht anders aus als bei U3-Kindern, ist aber genauso wichtig.
Muss die Eingewöhnung dokumentiert werden?
Eine bundeseinheitliche Pflicht gibt es nicht. Die Dokumentation ist jedoch ein wichtiges Qualitätsinstrument, das viele Träger und Bildungspläne empfehlen. Sie dient als Nachweis professioneller Arbeit und ist bei Elterngesprächen, Teambesprechungen und Nachfragen des Trägers unverzichtbar.
Wie viele Kinder sollte man gleichzeitig eingewöhnen?
Maximal zwei bis drei Kinder pro Gruppe gleichzeitig (Ausnahme: Tübinger Modell, das bewusst mit Kleingruppen von 3-5 Kindern arbeitet). Ein gestaffelter Start über drei bis vier Wochen schützt die Qualität für alle Beteiligten.
Ist das Berliner Modell veraltet?
Nein, aber es wird zunehmend differenzierter betrachtet. Das Berliner Modell ist nach wie vor das am weitesten verbreitete und gut erforschte Modell. Die Kritik richtet sich vor allem gegen eine starre Umsetzung (z. B. erzwungener Trennungsversuch an Tag 4 unabhängig vom Kind). Viele Kitas arbeiten heute mit einer angepassten Version oder kombinieren Elemente verschiedener Modelle.

Weiterführende Artikel und Materialien

Dieser Guide gibt dir den Überblick. Für die Vertiefung einzelner Themen haben wir spezialisierte Artikel:

Quellenangaben

  • Laewen, H.-J., Andres, B. & Hédervári-Heller, É. (2011): Die ersten Tage - ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tagespflege. Cornelsen.
  • Winner, A. & Erndt-Doll, E. (2009): Anfang gut? Alles besser! Ein Modell für die Eingewöhnung in Kinderkrippen und anderen Tageseinrichtungen für Kinder. verlag das netz.
  • Fink, H. (2011ff.): Das Tübinger Modell der Eingewöhnung. Pädagogische Konzeptionsentwicklung, Stadt Tübingen.
  • Alemzadeh, M. (2018): Das Partizipatorische Eingewöhnungsmodell. In: KiTa aktuell, Ausgabe NRW.
  • Griebel, W. & Niesel, R. (2013): Übergänge verstehen und begleiten. Cornelsen.
  • Bowlby, J. (1969/2006): Bindung und Verlust. Reinhardt.
  • Ainsworth, M. D. S. et al. (1978): Patterns of Attachment. Erlbaum.
  • Statistisches Bundesamt (2024): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege. Destatis.
  • SGB VIII, §22 (Grundsätze der Förderung), §22a (Förderung in Tageseinrichtungen), §45 (Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung).