Eingewöhnungsmodelle im Vergleich: Berliner vs. Münchner Modell
Die Eingewöhnung ist der sensibelste Moment im Kitajahr. Wie ein Kind den Übergang von der Familie in die Kita erlebt, prägt sein Sicherheitsgefühl, sein Vertrauen in neue Bezugspersonen - und oft auch die Beziehung der Eltern zu deiner Einrichtung für die kommenden Jahre. Deshalb braucht dieser Prozess ein fundiertes Konzept.
In Deutschland haben sich zwei Modelle als Standard durchgesetzt: das Berliner Eingewöhnungsmodell und das Münchner Modell. Beide sind wissenschaftlich begründet, beide werden in der Praxis tausendfach eingesetzt - und trotzdem unterscheiden sie sich grundlegend in ihrer Haltung, ihrem Ablauf und ihrem Zeitrahmen.
Dieser Artikel gibt dir als Kita-Leitung einen vollständigen Überblick: Woher kommen die Modelle? Wie laufen sie ab? Wo liegen die Unterschiede? Und vor allem: Welches Modell passt zu deiner Einrichtung? Am Ende findest du eine Vergleichstabelle, die dir die Entscheidung erleichtert.
Komplett-Guide: Den vollständigen Überblick findest du in unserem Eingewöhnung in der Kita: Der Komplett-Guide.
Wo du hier bist: Dieser Artikel vergleicht das Berliner und das Münchner Eingewöhnungsmodell - damit du entscheiden kannst, welches zu deiner Einrichtung passt. Wenn du stattdessen wissen willst, welche typischen Fehler beim Umsetzen passieren und wie du sie vermeidest, lies Eingewöhnung: Die 5 häufigsten Fehler, die Kitas im August machen.
Warum ein klares Eingewöhnungsmodell unverzichtbar ist
Bevor wir in die Modelle einsteigen, ein Gedanke vorweg: Ein Eingewöhnungsmodell ist kein starres Regelwerk, das du blind abarbeitest. Es ist ein Orientierungsrahmen, der deinem Team Handlungssicherheit gibt - gerade in einer Phase, die emotional aufgeladen ist und in der schnelle Entscheidungen gefragt sind.
Was uns in der Praxis immer wieder auffällt: Ohne ein verbindliches Modell passiert schnell Folgendes - und das gehört zu den häufigsten Fehlern bei der Eingewöhnung - jede Fachkraft macht es ein bisschen anders. Die eine trennt nach drei Tagen, die andere wartet drei Wochen. Eltern bekommen widersprüchliche Signale. Und wenn es schwierig wird - wenn ein Kind dauerhaft weint, wenn Eltern drängeln, wenn der Träger fragt, ob das Kind „jetzt endlich eingewöhnt” ist - fehlt die gemeinsame Grundlage für Entscheidungen.
Dazu kommt: Eltern fragen gezielt nach. „Nach welchem Modell arbeiten Sie?” ist inzwischen eine der häufigsten Fragen beim Anmeldegespräch. Wer hier keine klare Antwort hat, verliert Vertrauen - bevor die Eingewöhnung überhaupt begonnen hat.
Ein klares Modell löst diese Probleme. Es definiert:
- Wann welcher Schritt kommt
- Wer welche Rolle hat (Bezugserzieherin, Eltern, Leitung)
- Woran erkennbar ist, dass das Kind bereit für den nächsten Schritt ist
- Was passiert, wenn der Prozess nicht planmäßig verläuft
Der Bildungsauftrag nach § 22 SGB VIII umfasst ausdrücklich die Förderung der sozialen und emotionalen Entwicklung des Kindes. Ein gelingender Übergang in die Kita ist dafür eine zentrale Voraussetzung. Viele Bildungspläne der Länder greifen die Gestaltung von Übergängen (Transitionen) als eigenen Bildungsbereich auf - der Grad der Verbindlichkeit variiert dabei je nach Bundesland (vgl. Deutscher Bildungsserver). Auch im Zusammenhang mit deinem Kinderschutzkonzept spielt eine sensible Eingewöhnung eine wichtige Rolle, denn Kinder brauchen von Anfang an das Gefühl, dass ihre Grenzen und Bedürfnisse respektiert werden.
Das Berliner Eingewöhnungsmodell
Entstehung und theoretische Grundlage
Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde in den 1980er-Jahren am Infans-Institut (Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit) entwickelt. Maßgeblich beteiligt waren Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Éva Hédervári-Heller. Die theoretische Basis bildet die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth.
Der Kerngedanke: Kleine Kinder können sich nur dann auf eine neue Umgebung einlassen, wenn sie sich sicher fühlen. Diese Sicherheit kommt zunächst von der vertrauten Bezugsperson (in der Regel ein Elternteil), die als „sichere Basis” im Raum anwesend ist. Erst wenn das Kind eine neue Bindungsbeziehung zur Erzieherin aufgebaut hat, kann die vertraute Bezugsperson sich schrittweise zurückziehen.
Das Modell ist elternbegleitet und bezugspersonenorientiert: Ein Elternteil begleitet das Kind in die Kita, und eine feste Bezugserzieherin übernimmt schrittweise die Betreuung.
Die Phasen des Berliner Modells
Das Berliner Modell gliedert sich in vier klar definierte Phasen:
Phase 1: Grundphase (ca. 3 Tage)
- Das Kind kommt gemeinsam mit einem Elternteil in die Kita, in der Regel für ein bis zwei Stunden
- Der Elternteil bleibt im Raum, verhält sich passiv, aber aufmerksam - er ist da, drängt sich aber nicht auf
- Die Bezugserzieherin nimmt behutsam Kontakt zum Kind auf: über Spielangebote, Beobachtung, vorsichtige Interaktion
- Es findet kein Trennungsversuch statt
- Das Ziel: Das Kind lernt den Raum, die Bezugserzieherin und den Tagesablauf kennen - im Schutz der vertrauten Bezugsperson
Praxistipp: Bitte den Elternteil, sich eine feste Stelle im Raum zu suchen und dort zu bleiben. Kein Handy, keine Zeitung - aber auch kein aktives Mitspielen. Die Rolle ist: „Ich bin da, wenn du mich brauchst.”
Phase 2: Erster Trennungsversuch (ca. Tag 4)
- Nach der Grundphase findet der erste kurze Trennungsversuch statt
- Der Elternteil verabschiedet sich bewusst und klar vom Kind und verlässt den Raum - bleibt aber in der Einrichtung (z. B. im Flur oder einem Nebenraum)
- Die Trennung dauert zunächst nur wenige Minuten (in der Regel maximal 30 Minuten)
- Die Reaktion des Kindes auf diese erste Trennung ist diagnostisch entscheidend: Sie gibt Aufschluss darüber, wie die weitere Eingewöhnung gestaltet wird
Mögliche Reaktionen und Konsequenzen:
- Das Kind spielt weiter oder lässt sich schnell von der Erzieherin trösten: Die Eingewöhnung kann zügig fortgesetzt werden → kürzere Eingewöhnung (ca. 6 Tage)
- Das Kind weint untröstlich und lässt sich nicht beruhigen: Der Elternteil wird zurückgeholt, die Grundphase wird verlängert → längere Eingewöhnung (ca. 2-3 Wochen)
Phase 3: Stabilisierungsphase (ab Tag 5)
- Die Bezugserzieherin übernimmt zunehmend die Versorgung des Kindes: Füttern, Wickeln, Trösten
- Die Trennungszeiten werden schrittweise verlängert
- Der Elternteil bleibt erreichbar, ist aber nicht mehr im Raum
- Die Erzieherin beobachtet, ob das Kind sie als sichere Basis akzeptiert - ob es sich bei Kummer an sie wendet, ob es sich trösten lässt
Phase 4: Schlussphase
- Der Elternteil ist nicht mehr in der Einrichtung, aber jederzeit telefonisch erreichbar
- Das Kind bleibt über zunehmend längere Zeiträume in der Kita
- Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind:
- Die Erzieherin als sichere Basis akzeptiert
- Sich von ihr trösten lässt
- Explorationsverhalten zeigt (neugierig spielt, die Umgebung erkundet)
- Grundbedürfnisse (Essen, Schlafen) in der Kita befriedigen kann
Zeitrahmen
Das Berliner Modell sieht je nach Verlauf eine Dauer von ein bis drei Wochen vor. In der Praxis solltest du mindestens zwei bis drei Wochen einplanen, um nicht unter Zeitdruck zu geraten. Bei Kindern unter einem Jahr oder bei Kindern mit unsicherem Bindungsverhalten kann der Prozess auch länger dauern.
Das Münchner Eingewöhnungsmodell
Entstehung und theoretische Grundlage
Das Münchner Eingewöhnungsmodell wurde von Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München entwickelt und 2009 in ihrem Buch „Anfang gut? Alles besser!” veröffentlicht. Es baut auf dem Berliner Modell auf, erweitert es aber um wichtige Aspekte.
Der zentrale Unterschied: Während das Berliner Modell stark auf die Bindung zwischen Kind und Bezugserzieherin fokussiert, nimmt das Münchner Modell das Kind als kompetenten Akteur in den Blick. Das Kind gestaltet seine Eingewöhnung aktiv mit - es ist nicht nur Empfänger von Fürsorge, sondern Akteur in einem Beziehungs- und Bildungsprozess.
Theoretisch stützt sich das Münchner Modell neben der Bindungstheorie auch auf die Transitionsforschung (Griebel/Niesel) und die Resilienzforschung. Es betrachtet die Eingewöhnung als Übergang (Transition), der nicht nur das Kind, sondern das gesamte System betrifft: Kind, Eltern, Fachkräfte und die Kindergruppe.
Zwei weitere Besonderheiten:
- Die Kindergruppe spielt eine aktive Rolle. Andere Kinder werden bewusst einbezogen, weil Gleichaltrige für Kleinkinder wichtige Interaktionspartner sind.
- Die Eltern werden nicht nur als Begleitpersonen gesehen, sondern als aktive Bildungspartner, deren eigener Übergangsprozess ernst genommen wird.
Die Phasen des Münchner Modells
Das Münchner Modell ist in fünf Phasen gegliedert, die insgesamt deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als das Berliner Modell:
Phase 1: Vorbereitung (vor dem ersten Kita-Tag)
- Ausführliches Aufnahmegespräch mit den Eltern: Was ist das Kind gewohnt? Was tröstet es? Welche Rituale gibt es?
- Die Fachkraft informiert sich über die Lebenswelt des Kindes
- Eltern erhalten detaillierte Informationen über den Ablauf der Eingewöhnung und ihre Rolle
- In manchen Einrichtungen: ein Schnupperbesuch, bei dem Kind und Eltern die Räume kennenlernen
Diese Phase fehlt im Berliner Modell als eigener, definierter Schritt - obwohl natürlich auch dort ein Aufnahmegespräch stattfindet. Im Münchner Modell wird die Vorbereitung jedoch als eigenständiger, systematischer Teil der Eingewöhnung verstanden.
Phase 2: Kennenlernen (ca. Woche 1-2)
- Kind und Elternteil kommen gemeinsam in die Kita, zunächst für zwei bis drei Stunden
- Der Elternteil nimmt aktiv am Gruppengeschehen teil - anders als im Berliner Modell, wo er sich passiv verhält
- Die Bezugserzieherin beobachtet das Kind, nimmt Kontakt auf, folgt aber dem Tempo des Kindes
- Das Kind lernt die Räume, die anderen Kinder und den Tagesablauf kennen
- Es findet kein Trennungsversuch statt
- Die Erzieherin tauscht sich täglich mit dem Elternteil aus: Was hat sie beobachtet? Wie hat das Kind reagiert?
Wichtiger Unterschied zum Berliner Modell: Die Kennenlernphase dauert deutlich länger - in der Regel ein bis zwei Wochen statt drei Tage. Das Kind hat mehr Zeit, sich in eigenem Tempo zu orientieren.
Phase 3: Sicherheit (ca. Woche 2-3)
- Die Bezugserzieherin übernimmt zunehmend Pflegehandlungen (Wickeln, Füttern)
- Das Kind zeigt erste Autonomiebestrebungen: Es löst sich vom Elternteil, erkundet den Raum, nimmt Kontakt zu anderen Kindern auf
- Der Elternteil zieht sich schrittweise zurück, bleibt aber im Raum
- Die Erzieherin achtet auf Signale des Kindes: Sucht es Blickkontakt zur Erzieherin? Wendet es sich bei Unsicherheit an sie?
Phase 4: Vertrauen - erste Trennungen (ca. Woche 3-4)
- Erste kurze Trennungsversuche beginnen - deutlich später als im Berliner Modell
- Der Elternteil verabschiedet sich klar und verlässt den Raum
- Die Trennungszeiten werden schrittweise ausgedehnt
- Die Erzieherin begleitet das Kind aktiv durch die Trennung und bietet Trost und Orientierung
- Tägliche Reflexionsgespräche mit dem Elternteil
Phase 5: Auswertung
- Abschließendes Reflexionsgespräch zwischen Erzieherin und Eltern
- Gemeinsame Einschätzung: Wie hat das Kind den Übergang bewältigt? Was hat geholfen? Was war schwierig?
- Dokumentation des Eingewöhnungsverlaufs
- Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind sich wohl und sicher in der Gruppe fühlt, am Tagesablauf teilnimmt und die Erzieherin als Bezugsperson akzeptiert
Zeitrahmen
Das Münchner Modell ist auf vier bis sechs Wochen angelegt. Das ist deutlich mehr als beim Berliner Modell und stellt höhere Anforderungen an die Personalplanung. Dafür bietet es mehr Raum für individuelle Verläufe - und die explizite Vorbereitungs- und Auswertungsphase gibt dem Prozess einen klaren Rahmen.
Vergleichstabelle: Berliner vs. Münchner Modell
| Kriterium | Berliner Modell | Münchner Modell |
|---|---|---|
| Entwickelt von | Laewen, Andres, Hédervári-Heller (Infans) | Winner, Erndt-Doll (IFP München) |
| Theoretische Basis | Bindungstheorie (Bowlby, Ainsworth) | Bindungstheorie + Transitionsforschung + Resilienzforschung |
| Bild vom Kind | Kind braucht Schutz und sichere Basis | Kind ist kompetenter Akteur |
| Phasen | 4 Phasen | 5 Phasen (inkl. Vorbereitung und Auswertung) |
| Dauer | 1-3 Wochen (in der Regel 2-3) | 4-6 Wochen |
| Erster Trennungsversuch | Ca. Tag 4 | Ca. Woche 3-4 |
| Rolle der Eltern | Passiv anwesend („sichere Basis”) | Aktiv beteiligt (Bildungspartner) |
| Rolle der Kindergruppe | Nicht explizit einbezogen | Bewusst einbezogen |
| Fokus | Bindungsaufbau Kind-Erzieherin | Gesamter Übergangsprozess (Kind, Eltern, Gruppe) |
| Diagnostisches Element | Reaktion auf ersten Trennungsversuch | Fortlaufende Beobachtung und Reflexion |
| Abschluss | Kind akzeptiert Erzieherin als sichere Basis | Reflexionsgespräch + dokumentierte Auswertung |
| Personalaufwand | Moderat | Hoch (längere Begleitung, mehr Gesprächszeiten) |
| Geeignet für | Einrichtungen mit begrenztem Personal und Zeitdruck | Einrichtungen mit guter Personalausstattung und Zeitressourcen |
Welches Modell passt zu deiner Kita?
Die ehrliche Antwort: Es gibt kein „besseres” Modell. Beide sind fachlich fundiert und in der Praxis bewährt. Die Frage ist, welches Modell zu den Rahmenbedingungen deiner Einrichtung passt - und welches Bild vom Kind eurer pädagogischen Konzeption entspricht.
Das Berliner Modell eignet sich besonders, wenn…
- deine Einrichtung unter Personaldruck steht und die Eingewöhnung zeitlich straff organisiert werden muss
- du viele Kinder in kurzer Zeit eingewöhnen musst (z. B. großer Aufnahme-Schwung im August/September)
- dein Team einen klar strukturierten Ablauf mit wenigen Phasen bevorzugt
- die Eingewöhnung primär über die Beziehung Kind-Bezugserzieherin gesteuert werden soll
- du mit Krippenkindern arbeitest, bei denen die Bindung zur Bezugsperson im Vordergrund steht
Das Münchner Modell eignet sich besonders, wenn…
- deine Einrichtung ausreichend Personal hat, um längere Eingewöhnungsphasen zu begleiten
- eure Konzeption das Kind als aktiven Gestalter seiner Bildungsprozesse versteht
- ihr großen Wert auf Elternpartnerschaft legt und den Übergang als gemeinsamen Prozess begreift
- die Kindergruppe eine wichtige Rolle in eurem pädagogischen Alltag spielt (z. B. in offenen oder teiloffenen Konzepten)
- ihr auch den eigenen Übergangsprozess der Eltern bewusst begleiten wollt
Und was ist mit Mischformen?
Ehrlich gesagt: In der Praxis arbeiten die meisten Kitas, die wir kennen, mit einer Mischform beider Modelle. Das ist absolut legitim, solange die Mischung reflektiert und im Team abgestimmt ist. Problematisch wird es, wenn „Mischform” bedeutet: Jede Fachkraft macht es anders, und es gibt kein verbindliches Konzept.
Wenn du Elemente aus beiden Modellen kombinierst, dokumentiere klar, welche Elemente aus welchem Modell stammen und warum ihr euch für diese Kombination entschieden habt. Das schafft Transparenz - gegenüber dem Team, den Eltern und dem Träger.
Praktische Umsetzung: Tipps für Kita-Leitungen
Egal für welches Modell du dich entscheidest - die Qualität der Eingewöhnung steht und fällt mit der Umsetzung. Hier sind sieben Punkte, die in der Praxis den Unterschied machen:
1. Verbindlichkeit im Team herstellen
Ein Eingewöhnungsmodell funktioniert nur, wenn das gesamte Team es kennt und trägt. Das bedeutet: regelmäßige Fortbildungen, eine schriftliche Handreichung für alle Fachkräfte und klare Kriterien, woran erkennbar ist, dass ein Kind bereit für den nächsten Schritt ist. „Bauchgefühl” allein reicht nicht als Grundlage für Entscheidungen, die die Sicherheit eines Kindes betreffen.
2. Eltern frühzeitig und gründlich informieren
Beide Modelle setzen voraus, dass Eltern ihre Rolle kennen. Das gelingt nur, wenn du vor der Eingewöhnung ein ausführliches Gespräch führst - nicht am ersten Tag zwischen Tür und Angel. Erkläre den Ablauf, die Dauer und die Rolle der Eltern. Und bereite Eltern darauf vor, dass es auch für sie emotional sein wird.
Schriftliche Informationen zum Mitnehmen sind Gold wert. Denn im Gespräch geht vieles unter - besonders wenn die Eltern selbst aufgeregt sind.
3. Eingewöhnung im Dienstplan priorisieren
Die Bezugserzieherin, die ein Kind eingewöhnt, braucht Zeit und Fokus. Das heißt: Sie sollte nicht gleichzeitig die volle Gruppenverantwortung tragen. Plane den Dienstplan so, dass in den Eingewöhnungswochen Vertretung für die Gruppe organisiert ist. Ja, das ist aufwändig. Aber eine gescheiterte Eingewöhnung kostet am Ende mehr Ressourcen als eine saubere Planung im Vorfeld.
Wenn du schnell eine realistische Timeline mit Pufferzeiten und Elternbrief brauchst, kannst du den kostenlosen Eingewöhnung-Planer nutzen: Modell wählen, Startdatum eintragen, fertige Übersicht für Dienstplan und Eltern erhalten.
4. Eingewöhnung staffeln
Nie mehr als zwei bis drei Kinder pro Gruppe gleichzeitig eingewöhnen. Das gilt für beide Modelle. Sprich frühzeitig mit dem Träger und den Eltern: Ein Vertragsstart am 1. August bedeutet nicht, dass alle Kinder am 1. August beginnen müssen.
5. Beobachtung und Dokumentation ernst nehmen
Beide Modelle erfordern eine systematische Beobachtung des Kindes. Im Berliner Modell ist die Reaktion auf den ersten Trennungsversuch der diagnostische Schlüsselmoment. Im Münchner Modell ist die fortlaufende Beobachtung und Reflexion ein durchgängiges Prinzip. In beiden Fällen gilt: Dokumentiere, was du beobachtest. Das hilft nicht nur bei der aktuellen Eingewöhnung, sondern auch bei Elterngesprächen, Teambesprechungen und der Weiterentwicklung eures Konzepts.
Tipp: Die Checklisten-Sammlung von Kita Zentrale enthält Eingewöhnungschecklisten für das Berliner und das Münchner Modell - inklusive Beobachtungsbögen, Materialien-Checkliste für neue Kinder und Gesprächsleitfaden für das Elterngespräch vor der Eingewöhnung. Damit hast du alles auf einen Blick und musst das Rad nicht neu erfinden.
6. Plan B vorbereiten
Was passiert, wenn die Eingewöhnung deutlich länger dauert als geplant? Was, wenn die Bezugserzieherin krank wird? Was, wenn ein Kind nach drei Wochen immer noch untröstlich weint? Lege vor der Eingewöhnungszeit fest, wie ihr mit diesen Szenarien umgeht. Ein Notfallplan nimmt den Stress aus der Situation und schützt dich als Leitung vor Entscheidungen unter Druck.
7. Nach der Eingewöhnung reflektieren
Das Münchner Modell hat die Auswertungsphase als eigenen Schritt. Aber auch wenn du nach dem Berliner Modell arbeitest, lohnt sich eine strukturierte Reflexion: Was lief gut? Was würden wir nächstes Mal anders machen? Welche Kinder brauchten besonders viel Zeit - und warum? Diese Erkenntnisse machen die nächste Eingewöhnungsrunde besser.
Häufige Fragen zum Berliner und Münchner Modell
Kann ich das Modell wechseln, wenn die Eingewöhnung nicht klappt?
Ja, aber nicht mitten im Prozess. Wenn sich abzeichnet, dass das gewählte Modell für ein bestimmtes Kind nicht passt, besprich das im Team und mit den Eltern. Ein Wechsel sollte bewusst und transparent erfolgen - nicht als Notlösung, sondern als reflektierte Entscheidung.
Welches Modell ist für U3-Kinder besser geeignet?
Pauschal lässt sich das nicht sagen. Das Berliner Modell wurde ursprünglich für Kinder unter drei Jahren entwickelt und hat sich in der Krippenarbeit bewährt. Das Münchner Modell bezieht die Peer-Gruppe stärker ein, was für sehr junge Kinder (unter einem Jahr) weniger relevant sein kann, da das Interesse an Gleichaltrigen erst im Laufe des zweiten Lebensjahres deutlich zunimmt. In der Praxis arbeiten viele Krippen mit dem Berliner Modell oder einer Mischform.
Was mache ich, wenn Eltern Druck machen, die Eingewöhnung zu beschleunigen?
Kommuniziere den Zeitrahmen von Anfang an realistisch - am besten schon beim Vertragsabschluss. Beim Berliner Modell solltest du mindestens zwei bis drei Wochen einplanen, beim Münchner Modell vier bis sechs. Wenn Eltern wissen, was auf sie zukommt, können sie sich organisieren. Und verweise auf die fachliche Begründung: Eine abgebrochene Eingewöhnung ist für alle Beteiligten teurer als eine, die etwas länger dauert.
Muss die Bezugserzieherin immer dieselbe Person sein?
Beim Berliner Modell ist die feste Bezugsperson ein zentrales Element. Der Bindungsaufbau funktioniert über Kontinuität. Im Münchner Modell ist die Bezugserzieherin ebenfalls wichtig, aber die Kindergruppe und das gesamte Team spielen eine größere Rolle. In beiden Fällen gilt: Ein Wechsel der Bezugsperson während der Eingewöhnung ist möglichst zu vermeiden. Plane Urlaube und Fortbildungen entsprechend.
Wie dokumentiere ich die Eingewöhnung richtig?
Halte mindestens fest: Beginn und Ende der Eingewöhnung, Dauer der Grundphase, Reaktion auf den ersten Trennungsversuch (Berliner Modell) bzw. die Beobachtungen in jeder Phase (Münchner Modell), besondere Vorkommnisse und das Abschlussgespräch mit den Eltern. Diese Dokumentation gehört in die Kindesakte und ist bei Elterngesprächen, Teambesprechungen und - falls nötig - bei Nachfragen des Trägers oder der Fachberatung eine wichtige Grundlage.
Sonderfälle: Wenn die Standardmodelle an ihre Grenzen stoßen
Beide Modelle beschreiben den Idealverlauf. In der Praxis gibt es jedoch Situationen, die einen flexibleren Umgang erfordern:
Kinder mit Behinderung oder Entwicklungsverzögerungen
Kinder mit besonderen Bedürfnissen brauchen in der Regel mehr Zeit für die Eingewöhnung. Die Grundprinzipien beider Modelle gelten weiterhin - aber die Phasen können sich deutlich verlängern. Hier ist eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern, gegebenenfalls mit Frühförderstellen oder therapeutischen Fachkräften, besonders wichtig. Das Münchner Modell mit seinen längeren Beobachtungsphasen und der systematischen Auswertung bietet dafür in der Regel einen besseren Rahmen.
Kinder, die bereits Trennungserfahrungen gemacht haben
Manche Kinder haben bereits eine Tagesmutter, eine andere Kita oder eine andere Betreuungsform erlebt. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Eingewöhnung schneller geht. Im Gegenteil: Kinder, die bereits schwierige Trennungserfahrungen gemacht haben, brauchen besonders viel Sensibilität. Nimm dir Zeit, die Vorgeschichte im Aufnahmegespräch zu erfassen, und passe das Tempo entsprechend an.
Mehrsprachige Familien
Wenn Eltern wenig Deutsch sprechen, wird die Kommunikation während der Eingewöhnung zur besonderen Herausforderung. Schriftliche Informationen in der Familiensprache, Dolmetschende beim Aufnahmegespräch oder bebilderte Ablaufpläne können helfen. Die Kernbotschaft muss ankommen: Wie läuft die Eingewöhnung ab? Was ist die Rolle der Eltern? Woran erkennen wir, dass es dem Kind gut geht?
Geschwisterkinder
Wenn ein älteres Geschwisterkind bereits in der Einrichtung ist, kann das die Eingewöhnung erleichtern - muss es aber nicht. Manche Kinder fühlen sich sicherer, weil ihnen die Umgebung durch Besuche bereits vertraut ist. Andere reagieren verunsichert, weil die Kita „das Revier” des Geschwisterkindes ist. Beobachte genau und gehe nicht automatisch davon aus, dass die Eingewöhnung kürzer sein wird.
Eingewöhnung als Qualitätsmerkmal deiner Kita
Für Eltern ist die Eingewöhnung oft der erste echte Qualitätsindikator: Wird mein Kind hier ernst genommen? Gibt es einen klaren Plan? Reagiert die Erzieherin auf die Bedürfnisse meines Kindes - oder wird nach Schema F gearbeitet?
Egal ob du dich für das Berliner Modell, das Münchner Modell oder eine Mischform entscheidest: Entscheidend ist, dass du ein durchdachtes, verbindliches und im Team getragenes Konzept hast. Eines, das die Individualität jedes Kindes respektiert und gleichzeitig Struktur gibt.
Die Eingewöhnung ist kein Punkt, den du abarbeitest. Sie ist der Grundstein für die gesamte Kita-Zeit eines Kindes. Und sie ist eine Chance, Eltern zu zeigen, dass du und dein Team professionell arbeiten - mit Haltung, Wissen und einem klaren Plan.
Wenn du direkt mit der Planung starten willst, hilft dir unsere kostenlose Eingewöhnungs-Checkliste beim strukturierten Einstieg. Und für die vollständige Dokumentation des Eingewöhnungsverlaufs findest du im Eingewöhnungs-Vorlagenpaket alle Formulare, die du im Alltag brauchst.
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Quellenangaben
- Laewen, H.-J., Andres, B. & Hédervári-Heller, É. (2011): Die ersten Tage - ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tagespflege. Cornelsen Verlag.
- Winner, A. & Erndt-Doll, E. (2013): Anfang gut? Alles besser! Ein Modell für die Eingewöhnung in Kinderkrippen und anderen Tageseinrichtungen für Kinder. verlag das netz.
- Griebel, W. & Niesel, R. (2017): Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. Cornelsen Verlag.
- § 22 SGB VIII - Grundsätze der Förderung. dejure.org
- Bildungspläne der Bundesländer für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. Deutscher Bildungsserver
- Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP München): Forschungsprojekte zur Eingewöhnung. ifp.bayern.de
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