Ganztagsbetreuung Grundschule: Rechtsanspruch und Bundesland-Vergleich
von Katharina Brückner Fachautorin für Kita-Organisation & Qualität Während die U3-Diskussion das vergangene Jahrzehnt beherrschte, läuft beim Hort und Ganztag die nächste grosse Strukturreform an. Ab dem Schuljahr 2026/27 greift schrittweise der Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung in der Grundschule - und je nach Bundesland trifft er auf sehr unterschiedliche Ausgangslagen. Hamburg betreut heute 98 Prozent seiner Grundschulkinder ganztags, Schleswig-Holstein 33 Prozent. Für dich als Kita-Leitung ist das relevant, weil der Übergang Kita-Schule bald für deutlich mehr Familien neu gedacht wird - und weil sich die Personal- und Raumkonkurrenz im Sozialsektor verschärft. Dieser Artikel ordnet die Zahlen ein und zeigt, was du jetzt im Blick haben solltest.
Hortbetreuungsquote 2022 nach Bundesland
Die folgende Tabelle zeigt die Hortbetreuungsquote (Anteil der Grundschulkinder in einer Hort- oder vergleichbaren Ganztagsbetreuung) und die Bedarfslücke gegenüber dem Elternwunsch:
| Bundesland | Hortquote 2022 | Bedarfslücke (pp) |
|---|---|---|
| Hamburg | 98 % | 1 |
| Thüringen | 90 % | 5 |
| Sachsen | 88 % | 5 |
| Berlin | 83 % | 7 |
| Brandenburg | 80 % | 6 |
| Mecklenburg-Vorpommern | 77 % | 8 |
| Sachsen-Anhalt | 75 % | 11 |
| Saarland | 61 % | 17 |
| Bremen | 56 % | 12 |
| Hessen | 54 % | 20 |
| Rheinland-Pfalz | 52 % | 22 |
| Baden-Württemberg | 50 % | 19 |
| Niedersachsen | 50 % | 16 |
| Nordrhein-Westfalen | 50 % | 23 |
| Bayern | 36 % | 23 |
| Schleswig-Holstein | 33 % | 24 |
Die Spreizung beträgt 65 Prozentpunkte zwischen Hamburg (98 %) und Schleswig-Holstein (33 %). Damit ist die Hortbetreuung das Feld der frühkindlichen und schulischen Bildung mit der grössten regionalen Ungleichheit in Deutschland.
Das doppelte Ost-West-Muster
Wie schon bei der U3-Quote zeigt sich auch im Hortbereich eine deutliche Ost-West-Trennung - aber mit Hamburg als westdeutscher Ausnahme:
- Ostdeutsche Bundesländer (mit Berlin): 75-90 Prozent Hortquote. Die Tradition geht auf den Schulhort der DDR zurück, der nach 1990 in landeseigene Strukturen überführt wurde.
- Hamburg: Eigenes Modell mit Ganztagsschulen und Ganztägiger Bildung und Betreuung an Schulen (GBS). Faktisch 98 Prozent flächendeckend.
- Westdeutsche Flächenländer: 50 Prozent oder weniger. Bayern und Schleswig-Holstein liegen unter 40 Prozent.
Für die Bedarfslücke heisst das: In den Hoch-Quoten-Ländern ist sie klein - Eltern bekommen, was sie suchen. In den Niedrig-Quoten-Ländern ist sie gross - oft 20 Prozentpunkte und mehr. Schleswig-Holstein, Bayern, NRW und Rheinland-Pfalz haben die grösste Anpassungsaufgabe.
Ganztagsschule heute (KMK 2023)
Parallel zum Hort entwickelt sich seit den 2000er-Jahren die Ganztagsschule als Alternative oder Ergänzung. Nach Daten der Kultusministerkonferenz:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Anteil Grundschulen mit Ganztagsbetrieb 2023 | 50 % (Deutschland gesamt) |
| Anteil 2018 | 42,2 % |
| Spitzenwert | Hamburg 93,4 % |
| Schlusslicht | Bayern 15,4 % |
Auch hier dominiert die Spreizung. Die strukturelle Logik: Wo Hortbetreuung schwach ist, ist meist auch der Ganztagsschulausbau zurückhaltend. Bayern und Schleswig-Holstein liegen in beiden Statistiken weit unten.
Wichtig zu wissen: Die KMK-Definition “Ganztagsschule” ist sehr breit gefasst. Sie umfasst gebundene Modelle (verpflichtend für alle Schüler), teilgebundene und offene Modelle (freiwillig zubuchbar). Die offenen Modelle dominieren bundesweit - und ihre tatsächliche Inanspruchnahme liegt oft deutlich unter der formalen Quote.
Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026
Mit dem Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG), verabschiedet am 7. Mai 2021, schafft der Bund einen einklagbaren Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung im Grundschulalter. Er umfasst acht Stunden an fünf Werktagen pro Woche und wird bis zum Schuljahr 2029/30 schrittweise auf alle vier Grundschulklassen ausgeweitet:
| Schuljahr | Klassenstufen mit Anspruch |
|---|---|
| 2026/27 | Klasse 1 |
| 2027/28 | Klasse 1 + 2 |
| 2028/29 | Klasse 1 + 2 + 3 |
| 2029/30 | alle Klassen 1-4 |
Was Eltern dann konkret beanspruchen können, regelt § 24 SGB VIII in der Fassung des GaFöG:
- 8 Stunden tägliche Bildung und Betreuung an Werktagen
- Schliesszeiten höchstens 4 Wochen pro Jahr
- Anspruch gegen den örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe (analog zur U3-Regelung)
Wie der Anspruch erfüllt wird, bleibt den Bundesländern überlassen: Schulhort, gebundene Ganztagsschule, offene Ganztagsschule plus Hort-Modul oder Kombi-Lösungen. Die Bundesländer können das Modell wählen, das zu ihrer Schulstruktur passt - müssen aber die Mindeststandards einhalten.
Was bedeutet das für Kita-Leitungen?
Auch wenn der Hort nicht zu deinem direkten Verantwortungsbereich gehört: Drei Punkte werden in den nächsten Jahren auf deinen Tisch kommen.
1. Der Übergang Kita zu Schule wird komplexer. Bisher haben sich viele Eltern in den westdeutschen Bundesländern aus pragmatischen Gründen für eine Halbtags-Schullösung entschieden, weil Ganztagsangebote fehlten. Mit dem Rechtsanspruch werden mehr Familien Ganztag in Anspruch nehmen wollen - ein Wechsel, der für Erstklässler oft schwer ist. Plane deine Vorbereitungsphase im letzten Kita-Jahr so, dass auch das Thema Ganztagsbetreuung an der Schule mitlaufen kann.
2. Die Personal- und Fachkräftekonkurrenz steigt. Schulhorte, Ganztagsschulen und Kitas konkurrieren um dieselben Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen. Schon heute ist der Fachkräftemangel akut. Mit Hochlauf des Ganztagsanspruchs wird das stärker. Wenn dein Träger in einem Bundesland mit grosser Anpassungslücke arbeitet (SH, Bayern, NRW, RLP), bereite dich auf zusätzlichen Personalwettbewerb vor.
3. Eltern werden früher fragen. Wenn Ganztagsbetreuung Rechtsanspruch ist, recherchieren Eltern schon im Kita-Anmeldegespräch, wie der Übergang in die Schule aussieht. Du wirst beraten müssen, ohne die schulische Seite vollständig im Blick zu haben. Eine kurze Faktensammlung zu Schulhort-Angeboten in deiner Gemeinde im Aufnahmegespräch-Set hilft dir, sachlich zu antworten, ohne dich zu überdehnen. Strukturen dafür bietet unser Jahresplaner mit Übergangs-Modulen.
Zeitstrukturen: Hort, Schule, Vereinbarkeit
Ein Detail, das viele Eltern übersehen: Schul-Schliesszeiten (Ferien, bewegliche Feiertage, Brückentage) sind länger als Kita-Schliesszeiten. Die Vereinbarkeitsfrage verschiebt sich nach dem Einschulungssommer drastisch.
In der Praxis bedeutet das: Familien, deren Eltern beide vollzeit erwerbstätig sind, brauchen ab Klasse 1 eine kombinierte Lösung aus Schulganztag plus Hort plus Ferienbetreuung. Wer die Ferien-Lücke nicht im Blick hat, plant das Familienjahr falsch.
Die Bundesländer regeln Ferienbetreuung im Rahmen des GaFöG unterschiedlich. Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen haben heute schon Ganzjahres-Hort-Modelle, Bayern und Schleswig-Holstein eher fragmentierte Lösungen. Wenn Eltern in deiner Kita die Schulwahl planen, ist die Frage nach den Ferienzeiten relevanter als die nach dem Schulstandort.
Cross-Links und weiterführende Inhalte
- Für die U3-Seite derselben Diskussion: Betreuungsquote U3 2025 nach Bundesland
- Für strukturierte Jahresplanung mit allen Übergängen: Jahresplaner Kita
- Für die operative Hort- und Ganztags-Organisation (Tagesablauf, Hausaufgaben, Schul-Kooperation): Hort-Ganztag-Paket
- Zur rechtlichen Seite der Betreuungszeiten: Abholzeiten Kindergarten: Gesetz und Regeln
- Gesamtüberblick zur Kita-Landschaft: Wie viele Kitas gibt es in Deutschland?
Quellen und Stand der Daten
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe 2025 - Reine Horte und altersgemischte Einrichtungen, Stichtag 01.03.2025. destatis.de
- Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Hortbetreuungsquoten und Bedarfslücken nach Bundesland, Stand 2022.
- Kultusministerkonferenz (KMK): Bericht zur Ganztagsschulentwicklung 2023 (Vergleichende Übersicht zum Ganztagsbetrieb an Grundschulen).
- § 24 SGB VIII in der Fassung des Ganztagsförderungsgesetzes (GaFöG, BGBl. I 2021 S. 1444). gesetze-im-internet.de
- Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) vom 2. Oktober 2021, Stufenplan 2026-2030. bmfsfj.bund.de
Stand: Mai 2026. Hortbetreuungsdaten beziehen sich auf den Stand 2022 (jüngste durchgängig publizierte BL-Werte), die Strukturzahl der reinen Horte auf Destatis 01.03.2025, der Rechtsanspruch greift ab Schuljahr 2026/27.
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