Quereinsteiger Erzieher: Onboarding Kita

Dienstagmorgen, 7:20 Uhr. In zehn Minuten beginnt der Frühdienst, und heute ist es so weit: Dein neuer Kollege startet. Gelernter Tischler, 42 Jahre alt, zwei eigene Kinder, seit einem Jahr in der berufsbegleitenden Nachqualifizierung. Er bringt Motivation mit, Lebenserfahrung und handwerkliches Geschick. Was er nicht mitbringt: fünf Jahre Fachschule, Praktika in drei verschiedenen Einrichtungen und das implizite Wissen, das dein Team über Jahre aufgebaut hat.

Ob dieser Mann in sechs Monaten eine echte Bereicherung für dein Team ist oder frustriert das Handtuch wirft, hängt maßgeblich von einer Person ab: von dir. Strukturierte Einarbeitung ist dabei kein Nice-to-have, sondern entscheidend - warum das so ist und welche Grundprinzipien wirklich helfen, beschreiben wir in unserem Artikel zur Einarbeitung neuer Mitarbeiter in der Kita.

Warum Quereinsteiger für Kitas unverzichtbar werden

Die Zahlen lassen keinen Spielraum für Diskussionen. Laut DKLK-Studie 2024 stellen 71 % der Kitas mittlerweile Personal ein, das vor wenigen Jahren mangels Qualifikation nicht eingestellt worden wäre. Die Bertelsmann Stiftung beziffert die bundesweite Fachkräftelücke auf rund 98.600 fehlende Erzieherinnen und Erzieher - Tendenz steigend.

Was das konkret bedeutet: Wenn du als Leitung auf vollqualifizierte Fachkräfte wartest, wartest du möglicherweise sehr lange. Die praxisintegrierte Ausbildung (PiA) wird bereits von 53 % der Leitungen als Personalgewinnungsstrategie genutzt. Quereinsteiger sind keine Notlösung mehr - sie sind ein fester Bestandteil der Personalstrategie.

Und das hat nicht nur Nachteile. Quereinsteiger bringen Kompetenzen mit, die in Kita-Teams häufig fehlen:

  • Lebenserfahrung und Elternperspektive, die Elterngespräche auf Augenhöhe ermöglicht
  • Fachfremde Fähigkeiten (Handwerk, IT, Musik, Sport), die das pädagogische Angebot bereichern
  • Frische Perspektiven auf eingefahrene Abläufe, die blinde Flecken sichtbar machen
  • Hohe Motivation, weil der Berufswechsel eine bewusste Entscheidung war

Aber: Diese Potenziale entfalten sich nicht von allein. Ohne strukturiertes Onboarding verpufft die Anfangsmotivation - und das Team verliert einen Kollegen, den es dringend braucht.

Wer zählt als Quereinsteiger? Ein Überblick im Regelungs-Flickenteppich

Bevor du einen Onboarding-Plan erstellst, musst du wissen, mit welchem rechtlichen Rahmen du arbeitest. Und hier wird es kompliziert - denn die Bundesländer regeln das sehr unterschiedlich.

Das Fachkräftegebot nach § 72 SGB VIII

Das Sozialgesetzbuch VIII legt in § 72 fest, dass in der Kinder- und Jugendhilfe grundsätzlich Fachkräfte beschäftigt werden sollen. Gleichzeitig lässt das Gesetz Spielraum: Es geht nicht nur um formale Abschlüsse, sondern auch um persönliche Eignung und besondere Erfahrungen. Diesen Spielraum nutzen die Landesgesetzgeber zunehmend.

Landesrechtliche Unterschiede

Je nach Bundesland gibt es unterschiedliche Kategorien und Auflagen:

  • Fachkräfte (staatlich anerkannte Erzieherinnen, Sozialpädagoginnen, Kindheitspädagoginnen): Dürfen eigenverantwortlich Gruppen leiten und pädagogische Verantwortung übernehmen.
  • Ergänzungskräfte (Kinderpflegerinnen, Sozialassistentinnen): Arbeiten unterstützend, dürfen in den meisten Bundesländern keine Gruppe allein führen.
  • Quereinsteiger mit Nachqualifizierung: Je nach Bundesland unter bestimmten Auflagen einsetzbar. In NRW beispielsweise sind 160 Stunden Qualifizierung gemäß KiBiz-Personalverordnung vorgeschrieben. Bayern hat eigene Regelungen über das BayKiBiG, Niedersachsen über das KiTaG.
  • Personen in praxisintegrierter Ausbildung (PiA): Gelten in vielen Bundesländern als „Kräfte in Ausbildung” und werden unterschiedlich auf den Personalschlüssel angerechnet.

Wie dein Bundesland diese Kategorien konkret regelt, findest du in unserer Übersicht Die Qualifikations-Verordnungen aller 16 Bundesländer im Vergleich - dort kannst du direkt nachschlagen, was in NRW, Bayern, Niedersachsen und den übrigen Ländern gilt.

Was das für dich als Leitung bedeutet

Du musst vor der Einstellung genau klären:

  1. Welche Qualifikation bringt die Person mit? Und wie wird diese in deinem Bundesland eingestuft?
  2. Welche Nachqualifizierung ist erforderlich? Und wer organisiert und finanziert sie?
  3. Wie wird die Person auf den Personalschlüssel angerechnet? Vollständig, anteilig oder gar nicht?
  4. Welche Anleitungspflichten bestehen? In den meisten Bundesländern brauchst du eine qualifizierte Praxisanleitung mit mindestens zwei Jahren Berufserfahrung.

Welche Ausbildungswege und Fördertöpfe hinter so einer Bewerbung stecken - vom Bildungsgutschein bis zur PiA - haben wir im Artikel Umschulung zur Erzieherin: Wege und Finanzierung aufgeschlüsselt.

Wichtiger Hinweis: Die landesrechtlichen Regelungen ändern sich regelmäßig, da der Fachkräftemangel politischen Druck erzeugt. Informiere dich bei deinem Landesjugendamt oder Träger über den aktuellen Stand. Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung.

Was Quereinsteiger mitbringen - und was sie brauchen

Der häufigste Fehler im Umgang mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern ist, sie entweder zu über- oder zu unterschätzen. Beides schadet.

Was sie mitbringen

  • Berufserfahrung in anderen Kontexten: Organisationsfähigkeit, Stressresistenz, Kommunikationskompetenz aus dem vorherigen Beruf
  • Elternperspektive: Viele Quereinsteiger sind selbst Eltern und verstehen die Bedürfnisse von Familien intuitiv
  • Unverstellten Blick: Sie hinterfragen Abläufe, die das bestehende Team längst nicht mehr wahrnimmt
  • Bewusste Berufswahl: Wer mit 35 oder 40 noch einmal von vorn anfängt, hat eine hohe intrinsische Motivation

Was sie brauchen

  • Pädagogisches Grundwissen: Bild vom Kind, Bildungsverständnis, Entwicklungspsychologie - auch wenn sie parallel eine Qualifizierung absolvieren, fehlt anfangs das Fundament
  • Reflexionsfähigkeit im pädagogischen Kontext: Die eigene Haltung gegenüber Kindern bewusst reflektieren - das ist etwas anderes als der reflektierte Umgang mit Kunden oder Kollegen
  • Kenntnis der Abläufe und Regeln: Aufsichtspflicht, Hygieneplan, Kinderschutzkonzept, Datenschutz - alles, was für dein bestehendes Team selbstverständlich ist
  • Orientierung in der Fachsprache: Portfolio, Partizipation, Transition, Bildungsbereiche - die pädagogische Fachsprache kann anfangs wie eine Fremdsprache wirken
  • Emotionale Sicherheit: Der Wechsel in ein neues Berufsfeld ist verunsichernd. Quereinsteiger brauchen das Gefühl, Fehler machen zu dürfen

Dein Onboarding-Fahrplan: Die ersten drei Monate

Strukturiertes Onboarding bedeutet nicht, dass du einen 40-seitigen Plan schreiben musst. Es bedeutet, dass du die wichtigsten Meilensteine kennst und bewusst gestaltest.

Erste Woche: Ankommen und Orientierung

Ziel: Die neue Person fühlt sich willkommen, kennt die wichtigsten Abläufe und weiß, an wen sie sich wenden kann.

  • Tag 1: Begrüßung durch dich als Leitung. Vorstellung im Team. Rundgang durch die Einrichtung. Vorstellung der Mentorin oder des Mentors (dazu gleich mehr). Übergabe der wichtigsten Dokumente: Tagesablauf, Hausregeln, Notfallnummern, Kinderschutzkonzept.
  • Tag 2-3: Hospitieren in der zugewiesenen Gruppe. Beobachten, nicht mitmachen. Die Namen der Kinder lernen. Den Rhythmus des Tages verinnerlichen. Erstes kurzes Gespräch mit der Mentorin: Welche Fragen sind aufgetaucht?
  • Tag 4-5: Erste kleine Aufgaben übernehmen - gemeinsam mit einer erfahrenen Kollegin. Zum Beispiel: Frühstück begleiten, Morgenkreis mitgestalten, beim Anziehen für den Garten helfen. Täglicher kurzer Check-in mit der Mentorin (10 Minuten reichen).

Sicherheitsrelevantes hat Vorrang: Aufsichtspflicht, Abholregelungen, Allergielisten und Notfallpläne müssen in der ersten Woche sitzen. Alles andere darf wachsen.

Erster Monat: Mitmachen und Lernen

Ziel: Die neue Person übernimmt zunehmend eigenständige Aufgaben, kennt den Tagesablauf sicher und baut Beziehungen zu den Kindern auf.

  • Woche 2-3: Eigene Aufgabenbereiche übernehmen (z. B. Frühstücksbegleitung, Wickelsituation, Freispielbegleitung) - immer mit einer Kollegin in Reichweite. Teilnahme an der Teamsitzung. Erste Berührungspunkte mit Eltern (Begrüßung, kurze Tür-und-Angel-Gespräche).
  • Woche 4: Erstes strukturiertes Reflexionsgespräch mit dir als Leitung und der Mentorin. Abgleich mit den vereinbarten Zielen. Was klappt gut? Wo gibt es Unsicherheiten? Braucht die Person zusätzliche Unterstützung?

Wöchentliche Reflexion mit der Mentorin: 15-20 Minuten, fest im Dienstplan verankert. Nicht zwischen Tür und Angel, sondern als geschütztes Zeitfenster.

Zweiter und dritter Monat: Eigenständigkeit aufbauen

Ziel: Die neue Person arbeitet zunehmend selbstständig, bringt eigene Ideen ein und übernimmt Verantwortung für definierte Bereiche.

  • Monat 2: Eigenständige Durchführung von pädagogischen Angeboten (mit vorheriger Absprache und anschließender Reflexion). Einführung in die Beobachtungsdokumentation. Erstes eigenes Elterngespräch - in Begleitung der Mentorin.
  • Monat 3: Zunehmend eigenverantwortliches Arbeiten im Gruppenalltag. Die Mentorin zieht sich schrittweise zurück, bleibt aber als Sparringspartnerin verfügbar. Zweites strukturiertes Feedbackgespräch mit Leitung und Mentorin: Wo steht die Person? Was sind die nächsten Entwicklungsschritte?

Am Ende von Monat 3 sollte klar sein: Passt die Zusammenarbeit? Sind die Grundlagen da? Stimmt die Haltung? Dann kannst du die verbleibende Probezeit nutzen, um Stärken auszubauen statt Grundlagen nachzuholen.

Das Mentor-System: Herzstück der Integration

Ein strukturiertes Onboarding steht und fällt mit der Qualität der persönlichen Begleitung. Das Mentor-System (auch: Paten-System) ist dabei kein Nice-to-have, sondern die wichtigste Einzelmaßnahme.

Wer eignet sich als Mentorin?

Nicht jede erfahrene Fachkraft ist automatisch eine gute Mentorin. Die ideale Mentorin:

  • Hat mindestens zwei Jahre Berufserfahrung in der Kita (in den meisten Bundesländern auch die formale Anforderung an Praxisanleitung)
  • Bringt Geduld und Freude am Erklären mit - nicht jede Kollegin, die fachlich brillant ist, kann ihr Wissen auch vermitteln
  • Kann wertschätzendes, aber ehrliches Feedback geben
  • Ist bereit, feste Zeitfenster für Anleitungsgespräche zu investieren
  • Steht dem Thema Quereinstieg offen gegenüber - Vorbehalte der Mentorin übertragen sich direkt auf die neue Person

Zeitliche Ressourcen einplanen

Mentoring kostet Zeit. Plane realistisch:

  • Erste vier Wochen: mindestens 2 Stunden pro Woche für Anleitungsgespräche und gemeinsame Reflexion
  • Monat 2-3: ca. 1 Stunde pro Woche
  • Ab Monat 4: 30 Minuten pro Woche oder nach Bedarf

Diese Zeiten musst du im Dienstplan abbilden. Wenn die Mentorin die Anleitungsgespräche in ihrer Mittagspause führen soll, wird das Mentoring zur Belastung statt zur Bereicherung.

Was die Mentorin von dir als Leitung braucht

  • Klaren Auftrag: Was genau ist die Rolle der Mentorin? Was wird von ihr erwartet - und was nicht?
  • Zeitliche Ressourcen: Fest eingeplante Anleitungszeiten im Dienstplan
  • Rückendeckung: Wenn es Konflikte gibt, steht die Leitung hinter der Mentorin
  • Eigene Reflexionsmöglichkeit: Regelmäßiger Austausch zwischen dir und der Mentorin über den Stand der Einarbeitung

Wenn es im Team knirscht: Reibungspunkte und wie du damit umgehst

Seien wir ehrlich: Nicht jedes Teammitglied freut sich über Quereinsteiger. Wir hören von Kita-Leitungen immer wieder: Die Vorbehalte sind nachvollziehbar - und du musst sie ernst nehmen, ohne ihnen nachzugeben.

Typische Spannungsfelder

„Ich habe fünf Jahre Ausbildung gemacht, und die kommt einfach so rein.” Das Gefühl, dass die eigene Qualifikation entwertet wird, ist der häufigste Widerstand. Erfahrene Fachkräfte haben zu Recht Stolz auf ihre Ausbildung. Der Fachkräftemangel zwingt zu pragmatischen Lösungen - aber das Gefühl der Abwertung ist real.

„Jetzt muss ich auch noch die Neue anlernen - als ob ich nicht schon genug zu tun hätte.” In ohnehin unterbesetzten Teams wird die Einarbeitung als zusätzliche Belastung empfunden. Wenn die Mentorin neben der Anleitung auch noch ihre regulären Aufgaben in vollem Umfang erledigen soll, ist Frustration vorprogrammiert.

„Die macht Sachen, die pädagogisch nicht in Ordnung sind.” Quereinsteiger handeln manchmal aus Intuition statt aus Fachwissen. Das ist nicht automatisch falsch - aber es kollidiert gelegentlich mit fachlichen Standards. Zum Beispiel: Ein Quereinsteiger, der Konflikte unter Kindern sofort schlichtet, statt den Kindern erst die Möglichkeit zur eigenständigen Lösung zu geben.

Deine Rolle als Leitung

Diese Spannungen lösen sich nicht von allein. Als Leitung bist du gefordert:

  1. Adressiere das Thema im Team, bevor der Quereinsteiger anfängt. Sprich offen darüber, warum ihr einen Quereinsteiger einstellt, welche Rolle die Person im Team haben wird und was das für die Zusammenarbeit bedeutet.
  2. Benenne die Stärken der neuen Person bewusst. „Herr Müller bringt 15 Jahre Erfahrung in der Erwachsenenbildung mit - davon können wir bei Elternabenden profitieren.” Mach die Bereicherung konkret und sichtbar.
  3. Schaffe Entlastung für die Mentorin. Wer anleitet, braucht Freiraum. Das heißt: Aufgaben umverteilen, Dienstplan anpassen, Prioritäten klären.
  4. Toleriere keine Ausgrenzung. Wenn sich Grüppchenbildung abzeichnet oder abfällige Bemerkungen fallen, greifst du ein - klar und zeitnah.
  5. Feiere gemeinsame Erfolge. Wenn der Quereinsteiger sein erstes Projekt eigenständig durchgeführt hat, gehört das in die Teamsitzung - als Erfolg des gesamten Teams.

Strukturhilfen, die den Unterschied machen

Gute Einarbeitung lebt von klaren Strukturen, die du nicht jedes Mal neu erfinden musst. Je besser deine Unterlagen vorbereitet sind, desto weniger Denkarbeit kostet jedes neue Onboarding.

Checklisten für die Einarbeitung sind dabei unverzichtbar: Was muss in der ersten Woche besprochen werden? Welche Dokumente müssen übergeben werden? Wann stehen welche Reflexionsgespräche an? Wenn das alles verschriftlicht ist, geht nichts unter - auch wenn du mitten im Einarbeitungsprozess einen Krankheitsausfall managen musst.

Unsere Checklisten-Pakete enthalten praxiserprobte Onboarding-Checklisten mit 30/60/90-Tage-Meilensteinen, die du direkt an deine Einrichtung anpassen kannst. Damit wird Einarbeitung von einer zusätzlichen Belastung zu einem Prozess, der im Alltag mitläuft.

Wenn du parallel auch Praktikantinnen oder PiA-Kräfte anleitest, lohnt sich ein Blick auf unsere Praktikanten-Anleitungs-Vorlagen. Sie enthalten strukturierte Anleitungsgespräche, Reflexionsbögen und Bewertungshilfen, die sich mit wenig Aufwand auch für die Begleitung von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern anpassen lassen.

Wenn der Quereinsteiger ein Mann ist: Besonderheiten in der Elternarbeit

Männliche Quereinsteiger erleben in Kita-Teams gelegentlich eine zusätzliche Dimension des Onboarding-Prozesses: Vorbehalte vonseiten mancher Eltern. Diese Vorbehalte sind selten bösartig gemeint, aber sie sind real - und du als Leitung musst vorbereitet sein.

In Peer-Diskussionen unter Kita-Leitungen taucht dieses Thema regelmäßig auf: Manche Eltern stellen gegenüber der Leitung Fragen, wenn ein neuer männlicher Kollege die Pflege von Kleinkindern übernimmt, besonders beim Wickeln oder beim Begleiten in der Garderobe. Hinter diesen Fragen steckt oft keine konkrete Sorge, sondern Unsicherheit über professionelle Standards.

Was du proaktiv tun kannst:

  • Transparent kommunizieren, bevor Fragen entstehen. Informiere Eltern aktiv, wenn ein neuer Kollege anfängt - unabhängig vom Geschlecht, aber bei männlichen Kollegen besonders wichtig. Ein kurzes Schreiben oder eine Vorstellung beim nächsten Elternabend nimmt viel Unsicherheit.
  • Auf euer Schutzkonzept verweisen. Euer Kinderschutzkonzept gilt für alle Teammitglieder gleichermaßen. Es beschreibt verbindliche Schutzstandards - für körperliche Pflege, Vier-Augen-Gespräche, offene Türpolitik. Das ist kein Sonderregime für männliche Kollegen, sondern Standard.
  • Nachfragen ernst nehmen, nicht wegdiskutieren. Wenn Eltern konkrete Fragen haben, beantworte sie sachlich: Welche Schutzmaßnahmen gelten? Wer hat Aufsicht? Das stärkt das Vertrauen, statt es zu untergraben.
  • Den Kollegen nicht allein lassen. Sexistische Unterstellungen gegenüber einem männlichen Kollegen haben in eurer Einrichtung keinen Platz. Stell dich klar dahinter - intern und extern.

Männliche Fachkräfte sind in deutschen Kitas nach wie vor unterrepräsentiert. Der Anteil ist regional und nach Trägerart unterschiedlich; aktuelle Zahlen kannst du beim Statistischen Bundesamt (Destatis-Kinder- und Jugendhilfestatistik) und bei Fachkräftebarometer Frühe Bildung (WiFF) nachsehen. Quereinsteiger sind oft ein wichtiger Weg, um mehr Vielfalt ins Team zu bringen. Wie du männliche Fachkräfte gezielt gewinnst, integrierst und vor dem Generalverdacht schützt - inklusive der Rechtslage zur Wickel-Frage - haben wir in einem eigenen Artikel vertieft: Männer in der Kita: gewinnen, integrieren, schützen.

Hinweis: Sollten konkrete Verdachtsmomente auf grenzüberschreitendes Verhalten entstehen, gelten dieselben Verfahren wie bei jeder anderen Fachkraft auch: Risikoabschätzung nach § 8a SGB VIII mit insoweit erfahrener Fachkraft (IseF), parallel Prüfung der Ereignismeldung nach § 47 SGB VIII durch den Träger an die Aufsichtsbehörde (Landesjugendamt), sowie Anwendung des einrichtungseigenen Kinderschutzkonzepts. § 8a und § 47 sind getrennte Verfahren - bitte nicht verkürzt nur auf § 8a fokussieren. Dieser Abschnitt ersetzt keine Rechtsberatung bei konkreten Vorfällen.

Langfristige Integration: Über die Probezeit hinaus denken

Onboarding endet nicht nach drei Monaten. Die eigentliche Integration in ein bestehendes Team dauert oft sechs bis zwölf Monate. Drei Aspekte, die du im Blick behalten solltest:

Fortbildung gezielt planen

Quereinsteiger haben oft andere Fortbildungsbedarfe als ausgebildete Fachkräfte. Wie du das Fortbildungsbudget von 30 Stunden strategisch nutzt, ist gerade bei der Qualifizierung von Quereinsteigern eine wichtige Frage.

Statt der dritten Fortbildung zu einem Spezialthema brauchen sie möglicherweise Grundlagen:

  • Entwicklungspsychologie im Überblick
  • Beobachtung und Dokumentation
  • Gesprächsführung mit Eltern
  • Kinderschutz und Prävention

Sprich mit deinem Träger über individuelle Fortbildungspläne. Viele Träger sind hier inzwischen flexibel, weil sie wissen: Investition in Qualifizierung ist günstiger als erneutes Recruiting.

Perspektiven aufzeigen

Quereinsteiger, die keine berufliche Perspektive in der Kita sehen, werden nicht langfristig bleiben - und ein Team, das dauerhaft an der Belastungsgrenze arbeitet, verliert irgendwann auch die Motiviertesten. Wie du als Leitung Burnout im Team erkennst und vorbeugst, ist gerade bei Teams mit hoher Fluktuation und Einarbeitungsaufwand ein wichtiges Thema. Zeig konkrete Wege auf:

  • Welche formalen Abschlüsse sind erreichbar (z. B. Externenprüfung zur staatlich anerkannten Erzieherin)?
  • Gibt es Möglichkeiten zur berufsbegleitenden Qualifizierung?
  • Welche Spezialisierungen passen zu den Stärken der Person (z. B. Bewegungspädagogik, Naturpädagogik, sprachliche Bildung)?

Regelmäßige Standortgespräche

Auch nach der Probezeit brauchen Quereinsteiger regelmäßiges Feedback. Nicht weil sie besonders unsicher sind, sondern weil der Abgleich zwischen eigener Einschätzung und Fremdwahrnehmung in einem neuen Berufsfeld besonders wertvoll ist. Halbjährliche Entwicklungsgespräche - nicht als Kontrolle, sondern als Unterstützung - halten die Verbindung und zeigen Wertschätzung.

Den Wissenstransfer in beide Richtungen fördern

Integration gelingt dann am besten, wenn sie nicht als Einbahnstraße verstanden wird. Quereinsteiger sollen nicht nur lernen, sondern auch lehren. Der ehemalige Handwerker, der das Außengelände in ein Abenteuerprojekt verwandelt. Die frühere Buchhalterin, die endlich Struktur in die Materialbestellungen bringt. Die Quereinsteigerin mit Migrationshintergrund, die den Kontakt zu mehrsprachigen Familien herstellt.

Wenn du diese Stärken aktiv im Team sichtbar machst und ihnen Raum gibst, veränderst du die Dynamik: Aus „die Neue, die noch so viel lernen muss” wird „die Kollegin, die uns in diesem Bereich weiterbringt”. Das ist kein Automatismus - es braucht dein bewusstes Zutun als Leitung.

Der Blick nach vorn

Der Fachkräftemangel wird in den nächsten Jahren nicht verschwinden. Die Zusammensetzung von Kita-Teams wird vielfältiger - mit Menschen, die unterschiedliche Wege in die pädagogische Arbeit gefunden haben. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance für deine Einrichtung.

Damit diese Chance Realität wird, braucht es dich als Leitung:

  • Ein durchdachtes Onboarding mit klaren Meilensteinen für die ersten drei Monate
  • Ein Mentor-System, das neue Kolleginnen und Kollegen persönlich begleitet
  • Aktive Teamgestaltung, die Reibungspunkte adressiert statt ignoriert
  • Strukturhilfen, die den Prozess entlasten und wiederholbar machen
  • Langfristige Perspektiven, die Quereinsteiger im Beruf halten

Die Frage ist nicht mehr, ob Quereinsteiger in deinem Team arbeiten werden. Die Frage ist, ob du die Rahmenbedingungen schaffst, unter denen sie ihr Potenzial entfalten können. Und das beginnt am ersten Tag.


Hinweis: Dieser Artikel dient der fachlichen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Die landesrechtlichen Regelungen zu Fachkräftegebot, Personalschlüssel und Qualifizierungsanforderungen für Quereinsteiger unterscheiden sich je nach Bundesland erheblich und werden regelmäßig angepasst. Informiere dich bei deinem zuständigen Landesjugendamt oder Träger über die aktuell geltenden Bestimmungen.


Quellenangaben

  1. DKLK-Studie 2024 - Deutscher Kitaleitungskongress / VBE Bundesverband, wissenschaftliche Leitung: Dr. Andy Schieler, Hochschule Koblenz. Befragung von 3.055 Kitaleitungen. vbe.de
  2. Bertelsmann Stiftung (2023): Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule - Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme. bertelsmann-stiftung.de
  3. § 72 SGB VIII - Mitarbeiter, Fortbildung. Sozialgesetzbuch Achtes Buch. dejure.org
  4. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF): Praxisanleitung in Kindertageseinrichtungen - WiFF Arbeitspapier Nr. 12 (Dezember 2023). weiterbildungsinitiative.de
  5. KiBiz-Personalverordnung NRW - Qualifizierungsanforderungen für Quereinsteiger (160 Stunden). Aufsicht durch das Landesjugendamt: LWL-Landesjugendamt Westfalen